Foto: Thousandrobots - CC BY-SA 3.0

The Artist is Present

„Die Künstlerin, der Künstler ist anwesend“. So hieß eine „Performance“ von Marina Abramović im New Yorker Museum of Modern Arts, kurz MoMA im Jahr 2010. Was da passierte, sehen Sie oben auf dem Bild. Marina Abramović saß in einem festlichen roten Kleid auf einem Stuhl, ein Besucher ihr gegenüber, dazwischen ein Tisch. Es wurde kein Wort gesprochen. Man saß sich gegenüber und Marina Abramović schaute dem Besucher in die Augen. Der Besucher bestimmte, wie lange er sitzen blieb. Marina A. saß täglich sieben Stunden hintereinander auf dem Stuhl, und das vom 14. März bis 31. Mai 2010. Die Performance dauerte 721 Stunden. Es war die anstrengendste und herausforderndste ihres Lebens. Etwa 750.000 Besucher haben sie gesehen und rund 1500 Menschen haben auf dem Stuhl gesessen.

Manche haben geweint. Manche haben Faxen gemacht. Viele konnten es gar nicht lange aushalten. Für sehr viele war es eine tiefgehende Erfahrung, ja, eine Erschütterung, darum kamen die Tränen. Viele haben sich zum ersten Mal richtig gesehen und tief angeschaut gefühlt. Das war ungewohnt und aufwühlend.

Und Sie, liebe Leserin und lieber Leser, dürfen sich das jetzt einmal für sich selbst vorstellen. Sie dürfen dazu gern Ihre Betrachtungs- oder Gebetszeit nehmen. Wem würde ich gern so gegenübersitzen und in die Augen schauen? Von wem würde ich mich gern so anschauen lassen? Lange und intensiv. So direkt hinein in die Augen! Wäre es auszuhalten? Es regt sich ja dann leicht spontan eine Geste, wenigstens drückt mein Gesicht ein Lächeln, eine Freude oder auch Scheu oder gar Abwendung aus. Es passiert jedenfalls etwas durch dieses intensive Anschauen.

Marina A. saß immer völlig ausdruckslos da und das blieb auch so. Nur einmal weinte auch sie, nämlich als ihr langjähriger Partner Ulay auf dem Stuhl gegenüber Platz nahm. Schließlich musste sie ihm die Hände reichen und sie mussten sich gegenseitig anlächeln. Auf diesem kurzen Film können Sie es sehen.

Warum habe ich diese Geschichte von Marina A. ausgewählt? Ich habe sie kürzlich bei einer Vorlesung gehört und war sofort davon angesprochen. Zum einen von diesem Angeschaut Werden und dem, was es bewirkt. Und zum anderen vom Titel: The Artist is Present. Ich denke an mein Jesusbild in meinem Zimmer und wie es mich anschaut und wie ich es anschaue. Täglich. Er schaut mich an. Ich schaue ihn an. Mehr geschieht meist nicht. Aber natürlich ist es etwas anderes, ein Bild anzuschauen oder eine lebendige Person anzuschauen. Die Geschichte von Marina A. hilft mir, Jesus als lebendige Person zu denken und zu fühlen.

Foto: Thomas Gertler

Und das andere: The Artist is Present. Diesen Satz kann ich mir für Gott, den Schöpfer, denken und auch für Jesus, durch den und auf den hin alles geschaffen ist (1 Kol 1,17). Das hilft mir auch beim Gang durch den Park, beim Gang durch die Stadt, beim Sitzen vor dem Computer, beim Zusammenlegen der Wäsche: „The Artist is Present.“ Der Schöpfer, der Künstler ist da, er ist präsent.“ Welch ein Trost, das zu wissen und es dann auch zu spüren: Er ist gegenwärtig.

So eine Performance hat etwas sehr Intensives und kann diese Intensität auch weiter an die Teilnehmer vermitteln. Sie bleiben dann nicht teilnahmslos. Marina A. hat einmal gesagt: „Das ist der Unterschied zwischen Theater und Performance: Im Theater ist das Blut Ketchup, bei der Performance ist es echt.“ Sie hat sich öfter bei ihren Performances bis auf das Blut verletzt. Das zeigt, dass es ihr blutig ernst ist. Aber sie verletzt eben nicht andere, sondern sich selbst. Sie erschreckt und weckt auf diese Weise. Und das ruft in mir die Frage auf: Was ist mir in meinem Leben blutig ernst? Wofür setze ich mich ganz und gar ein? Was sind meine Werte?

Da berühren sich Kunst und Religion, Kunst und christlicher Glaube. Und da hilft mir Marina A. mit ihrer mutigen Kunst.

Vielleicht lade ich diese Woche nicht nur Nikolaus mit seinem roten Gewand, sondern einmal Marina B. mit ihrem roten Festkleid an meinen Tisch.

Es grüßt Sie herzlich
Thomas Gertler SJ

7. Dezember 2022

Seit alters her wird im brennenden Dornbusch Christus dargestellt, denn in Ihm ist nach christlicher Auffassung Gott der, der da ist, der für uns da ist. Und so sagt es ja auch Christus den Jüngern: „Ich bin bei euch alle Tage, bis ans Ende der Welt.“ So stellt es dieses uralte Bild aus der Fuldaer Weltchronik (zwischen 1350 und 1375) dar.

 

Exodus 3,1 - 15

3,1 Mose hütete die Schafe und Ziegen seines Schwiegervaters Jitro, des Priesters von Midian. Als er die Herde tief in die Wüste hineintrieb, kam er eines Tages an den Gottesberg, den Horeb. 2 Dort erschien ihm der Engel des HERRN in einer lodernden Flamme, die aus einem Dornbusch schlug. Mose sah nur den brennenden Dornbusch, aber es fiel ihm auf, dass der Busch von der Flamme nicht verzehrt wurde. 3 »Das ist doch seltsam«, dachte er. »Warum verbrennt der Busch nicht? Das muss ich mir aus der Nähe ansehen!« 4 Als der HERR sah, dass Mose näher kam, rief er ihn aus dem Busch heraus an: »Mose! Mose!« »Ja«, antwortete Mose, »ich höre!« 5 »Komm nicht näher!«, sagte der HERR. »Zieh deine Schuhe aus, denn du stehst auf heiligem Boden.« 6 Dann sagte er: »Ich bin der Gott, den dein Vater verehrt hat, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs.« Da verhüllte Mose sein Gesicht, denn er fürchtete sich, Gott anzusehen. 7 Weiter sagte der HERR: »Ich habe genau gesehen, wie mein Volk in Ägypten unterdrückt wird. Ich habe gehört, wie es um Hilfe schreit gegen seine Antreiber. Ich weiß, wie sehr es leiden muss, 8 und bin herabgekommen, um es von seinen Unterdrückern zu befreien. Ich will es aus Ägypten führen und in ein fruchtbares und großes Land bringen, ein Land, das von Milch und Honig überfließt. « 11 Aber Mose wandte ein: »Ich? Wer bin ich denn! Wie kann ich zum Pharao gehen und das Volk Israel aus Ägypten herausführen?« 12 Gott antwortete: »Ich werde dir beistehen. Und das ist das Zeichen, an dem du erkennst, dass ich dich beauftragt habe: Wenn du das Volk aus Ägypten herausgeführt hast, werdet ihr mir an diesem Berg Opfer darbringen und mich anbeten.« 13 Mose sagte zu Gott: »Wenn ich nun zu den Leuten von Israel komme und zu ihnen sage: ›Der Gott eurer Vorfahren hat mich zu euch geschickt‹, und sie mich dann fragen: ›Wie ist sein Name?‹ – was soll ich ihnen sagen?« 14 Gott antwortete: »Ich bin da«,[1] und er fügte hinzu: »Sag zum Volk Israel: ›Der Ich-bin-da hat mich zu euch geschickt: 15 der HERR! Er ist der Gott eurer Vorfahren, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs.‹ Denn ›HERR‹ (Er-ist-da) ist mein Name für alle Zeiten. Mit diesem Namen sollen mich auch die kommenden Generationen ansprechen, wenn sie zu mir beten.

Gute Nachricht Bibel 2018