Foto: Thomas Gertler

Erlenzweig

Wieder hatte ich sehr schöne stille Tage im Kloster St. Gertrud in Alexanderdorf bei Berlin. Von dort hatte ich Ihnen vor genau einem Jahr eine Binsenwahrheit aus Schilfgras mitgebracht. Dieses Jahr habe ich diesen Erlenzweig gefunden. Die Erle wächst wie das Schilf dicht am Wasser und sie hat solche Zweiglein. An diesem hier sitzen männliche und weibliche Kätzchen zusammen. Die männlichen sehen noch wie Kätzchen aus. Die weiblichen verholzen und bilden Zapfen, in denen dann die nussartigen Früchte sitzen. Hier sind die kleinen Nüsschen fast alle herausgefallen.

Mit diesem Zweiglein habe ich jeden Tag wieder eine Meditationszeit verbracht. Und ich lade Sie wieder dazu ein. Es muss nicht dieses Erlenzweiglein sein. Sie können auch einen Tannenzapfen, ein Schilfgras, ein Ginkoblatt, Ihren Lieblingskaktus nehmen oder was immer Sie als Pflanze so nahe und länger betrachten können.

Und Sie wissen noch, worauf es ankam? Nicht nachdenken! Nicht deuten! Nicht im Kopf bleiben. Nur schauen. Nur wahrnehmen. Nur berühren. Nur spüren. Nur riechen. Nur tasten. Nicht denken. Raus aus dem Kopf. Und wenn ich wieder bei meinen Gedanken bin: z. B. wo steht denn hier irgendwo eine Erle? Kenn ich die überhaupt? Hat das was mit Goethes Erlkönig zu tun? Also jetzt sofort zurück, weg vom Erlkönig.

Wieder zurück zu meinem Gegenstand, also ich zu meiner Erle. Und da sehe ich, je länger ich sehe, immer mehr. So ein kleines Wunderwerk. Diese kleinen Zapfen. Das baut die Erle jedes Jahr. Jedes Jahr macht die so kleine tolle Kunstwerke. Innen, wo die Nüsse saßen, da schimmert es gelblich-rötlich, nein mehr rötlich. Ja, das leuchtet sogar noch ein bisschen. Nun ist doch noch so ein kleines Nüsschen rausgefallen. Und noch eins. So winzig. Mit meinem bloßen Auge kann ich das gar nicht als Nüsslein oder als Frucht erkennen. Unmöglich. Aber das ist es.

Und ich nehme es mit der Fingerspitze auf. Klein, schwarz, hart. Und aus diesem winzigen Nüsschen soll wieder eine ganze Erle werden? Aber damit bin ich schon wieder im Kopf. Also zurück: winzig klein, hart und fast schwarz, nicht ganz. Da ist auch ein bisschen was Helles dabei. Ich müsste mit einer Lupe weitermachen. Habe ich nicht. Es geht auch so.

Das Wunder ist ja das gleiche. Man sieht es diesem kleinen Nüsslein nicht an. Absolut nicht. So unscheinbar und für das bloße Auge nichts richtig zu erkennen als so ein winziges, dunkles, abgeflachtes Samenkorn. Ja, eben dass es ein Samenkorn ist, das erkenne ich gar nicht, wenn ich es nicht wüsste, dass es nur so etwas sein kann. Wie reich und verschwenderisch doch die Natur ist. Schon diese kleinen Zapfen sind so kunstvoll und schön. Ich kann sie wirklich gut und gern fast eine Stunde lang anschauen und immer wieder staunen. Und jedes Jahr aufs Neue so viele kleine Kätzchen männliche und weibliche und dann entwickeln sie sich so verschieden.

Alle Erlen hängen voll von dieser Pracht, auf den Wegen liegen abgerissene kleine Zweiglein wie der hier auf meiner Hand. Die meisten hat der Wind abgerissen und verweht. Sie werden von Autos und Traktoren und Anhängern platt gefahren. Manche landen auf dem Feld. Welche werden wieder zu neuen Erlen? Aber wieder zurück: Staunen über das kleine Kunstwerk. Wie wunderbar! Wie schön. So nahe und so unbeachtet. Jetzt ist es mir durch das tagelange Anschauen, Betrachten und Wahrnehmen ganz wertvoll und aufhebenswert geworden. Ich werde es mitnehmen nach Augsburg und dort in meine Meditationsecke legen.

Danke, dass Sie mit mir den kleinen Erlenzweig betrachtet haben! Es gäbe noch viel darüber zu schreiben und zu sagen. Aber vielleicht entdecken Sie an Ihrem Zimmerkaktus auch noch etwas Neues.

Es grüßt Sie herzlich
Thomas Gertler SJ

16. Januar 2019

Ich hänge Ihnen gern auch noch einmal die Schriftstelle vom letzten Jahr an. Sie passt auch diesmal wieder sehr gut, finde ich. Und diesmal mit dem Bild eines Spatzen, den wir im Alltag noch am häufigsten begegnen, obwohl auch die Spatzen weniger werden.

Foto: Lucas Weitzendorf - CC BY-SA 3.0

 

Lukas 12,22 - 29

12, 22 Und er sagte zu seinen Jüngern: Deswegen sage ich euch: Sorgt euch nicht um euer Leben und darum, dass ihr etwas zu essen habt, noch um euren Leib und darum, dass ihr etwas anzuziehen habt. 23 Das Leben ist wichtiger als die Nahrung und der Leib wichtiger als die Kleidung. 24 Seht auf die Raben: Sie säen nicht und ernten nicht, sie haben keinen Speicher und keine Scheune; denn Gott ernährt sie. Wie viel mehr seid ihr wert als die Vögel!
25 Wer von euch kann mit all seiner Sorge sein Leben auch nur um eine kleine Zeitspanne verlängern? 26 Wenn ihr nicht einmal etwas so Geringes könnt, warum macht ihr euch dann Sorgen um all das übrige? 27 Seht euch die Lilien an: Sie arbeiten nicht und spinnen nicht. Doch ich sage euch: Selbst Salomo war in all seiner Pracht nicht gekleidet wie eine von ihnen. 28 Wenn aber Gott schon das Gras so prächtig kleidet, das heute auf dem Feld steht und morgen ins Feuer geworfen wird, wie viel mehr dann euch, ihr Kleingläubigen!
29 Darum fragt nicht, was ihr essen und was ihr trinken sollt, und ängstigt euch nicht! 30 Denn um all das geht es den Heiden in der Welt. Euer Vater weiß, dass ihr das braucht. 31 Euch jedoch muss es um sein Reich gehen; dann wird euch das andere dazugegeben. 32 Fürchte dich nicht, du kleine Herde! Denn euer Vater hat beschlossen, euch das Reich zu geben.