Foto: Wellcome Collection Gallery - CC-BY-4.0

„… dass wir … miteinander in ein paar Monaten … viel werden verzeihen müssen …“

Sie erinnern sich an diese Worte? Jens Spahn hat sie am 22. April vor einem Jahr gesagt. Hier sein kompletter Satz an Gesine Lötzsch von der Linken: Bei etwas anderem bin ich ausdrücklich Ihrer Meinung - das will ich auch grundsätzlich zu anderen Debatten, etwa auch gerade zur Maske und anderem, sagen -, dass wir nämlich miteinander in ein paar Monaten wahrscheinlich viel werden verzeihen müssen, weil noch nie - ja, Sie mögen lachen; ich will es trotzdem mal sagen - in der Geschichte der Bundesrepublik und vielleicht auch darüber hinaus in so kurzer Zeit unter solchen Umständen mit dem Wissen, das verfügbar ist und mit all den Unwägbarkeiten, die da sind, so tiefgreifende Entscheidungen haben getroffen werden müssen; das hat es so noch nicht gegeben.

Das Ganze ist ungeschickt formuliert. Das lag an der freien Rede bei dieser Regierungsbefragung. Aber nicht nur daran. Es ist auch etwas von der Aufregung zu verspüren, weil Jens Spahn hier etwas sagt, das sonst so nicht gesagt wird. Er verlässt das Gewöhnliche und Übliche des Parlamentes und der Politik. Das haben auch die anderen gespürt, vielleicht darum die (Verlegenheits-)Lacher? Und wer es noch einmal im Ganzen sehen will, findet es hier.

Jens Spahn nimmt eine Frage und ein Thema auf, das auch in der Öffentlichkeit so kaum vorkommt, nämlich das gegenseitige Verzeihen. Richtiger formuliert wäre wohl gewesen: „einander vergeben“, nicht „miteinander verzeihen“. Das lag einerseits an der Aufregung und dem Ungewöhnlichen, aber auch noch an etwas anderem. Jens Spahn will meiner Ansicht nach nämlich damit zwei Dinge in eins begreifen.

„Miteinander verzeihen“ will einerseits das erwartbare „einander verzeihen“ sagen, aber darüber hinaus ansprechen, dass es alle angeht. Es betrifft alle Beteiligten. Zuerst natürlich die da im Parlament Versammelten. Aber was dort besprochen und beschlossen wird, geht ja darüber hinaus. Dass betrifft uns alle. Das betrifft unser Miteinander. Nicht nur dass die einen schuldig geworden sind und die anderen nun um Verzeihung bitten müssen. Das ist ja etwas, das jeden Tag in unserer „Empörungsgesellschaft“ geschieht und gefordert wird, verbunden mit dem Ruf nach Rücktritt. Das ist alltäglich und erwartbar: Die anderen sind schuld und haben sich zu entschuldigen. Klar! Immer! Die Anderen! Aber dass ich selbst einsehe, dass ich falsch gelegen habe und um Verzeihung bitte, das ist so nicht üblich. Das ist das Unübliche und sonst so sehr selten Gesagte.

Aber davon hängt unser Miteinander ab. Und das steckt eben auch darin in der ungeschickten Formulierung. Und das ist in dieser Pandemiezeit so wichtig, weil es so vieles gibt, was wir nicht genau wissen und beurteilen können und wo es darum mehr als sonst zu Fehlern und Fehlentscheidungen kommt und gekommen ist und kommen wird. Darum ist so eine Bereitschaft, anderen zu verzeihen so wichtig. Sonst können wir nicht mehr miteinander leben. Das sagt uns Jens Spahn. Und wir sehen und erfahren als Gesellschaft, wie groß die Gefahr ist, wenn wir es nicht tun, dass wir ganz und gar auseinander driften und uns spalten. Wir spüren es ja bis in die eigene Verwandtschaft, in den eigenen Freundeskreis hinein. Es ist heftig und gefährlich.

Gerade die Pandemie ist eine Zeit der heftigen Gefühle von Angst, Wut und Zorn. Gefühle, die starke Kräfte der Abwehr, der Aggression, der Beschuldigung, der Beschimpfung, des Hasses freisetzen und zu Verletzungen, ja wirklich auch zu eigenem Fehlverhalten, zum eigenen schuldig Werden führen. Das bei anderen wahrzunehmen ist leicht, aber wo ich da auch mit beteiligt bin und anderen Schlimmes antue, das ist schwer wahrzunehmen. Vielleicht noch wahrzunehmen in einer stillen Minute (da habe ich Mist gebaut), es aber zugeben und bewusst und überlegt um Verzeihung bitten, das ist schwer. Sehr schwer. Aber jede Gemeinschaft von der partnerschaftlichen Liebe, Freundschaft, Ehe angefangen bis zum Fußballverein, zur Kirchengemeinde, zum Parlament und zur Öffentlichkeit lebt erst menschlich, wenn es auch die Bereitschaft dazu gibt.

Vieles müsste jetzt noch vertieft werden, denn es gibt da auf allen Ebenen auch falsche Entschuldigungen und es gibt übertriebene Bereitschaft zur Vergebung. Aber dieses Fehlverhalten hebt das richtige nicht auf oder macht es überflüssig. Nein, es ist gut und notwendig, dass es diese Bereitschaft zum Verstehen und zum Verzeihen, die Bereitschaft, um Verzeihung und Verständnis zu bitten, gibt und dass wir sie zeigen.

Es grüßt Sie herzlich
Thomas Gertler SJ

12. Mai 2021

Das einander Verzeihen spielt bei Jesus eine Hauptrolle in seiner Verkündigung und als Forderung an die Jüngergemeinde. Nicht nur siebenmal soll Petrus vergeben, sondern siebzig mal siebenmal (Mt 18,22). Im Vaterunser binden wir sogar Gottes Vergebung an unsere Bereitschaft zur Vergebung: „Vergib uns unsere Schuld, (nach dem Maß) wie auch wir vergeben unseren Schuldigern…“, so beten wir – meist ohne uns bewusst zu machen, was wir sagen. Und das Wort vom Splitter und Balken – von Domenico Fetti unten ins Bild gesetzt – zeigt uns, dass auch Jesus weiß, wie schwer es ist, den eigenen blinden Fleck zu erkennen.

 

 

Lukas 6,36 - 42

Lk 6,36 Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist! 37 Richtet nicht, dann werdet auch ihr nicht gerichtet werden! Verurteilt nicht, dann werdet auch ihr nicht verurteilt werden! Erlasst einander die Schuld, dann wird auch euch die Schuld erlassen werden! 38 Gebt, dann wird auch euch gegeben werden! Ein gutes, volles, gehäuftes, überfließendes Maß wird man euch in den Schoß legen; denn nach dem Maß, mit dem ihr messt, wird auch euch zugemessen werden.

39 Er sprach aber auch in Gleichnissen zu ihnen: Kann etwa ein Blinder einen Blinden führen? Werden nicht beide in eine Grube fallen? 40 Ein Jünger steht nicht über dem Meister; jeder aber, der alles gelernt hat, wird wie sein Meister sein. 41 Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem eigenen Auge bemerkst du nicht? 42 Wie kannst du zu deinem Bruder sagen: Bruder, lass mich den Splitter aus deinem Auge herausziehen!, während du selbst den Balken in deinem Auge nicht siehst? Du Heuchler! Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge; dann kannst du zusehen, den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen.