Der „Große Kniende", Foto: Marlies Fricke

Wann ist der Mensch groß?

Kennen Sie den „Großen Knienden“ von Stephan Balkenhol? Letzten Sonntag bin ich aus Neugier da einmal hingefahren: 40 km von meinem Wohnort entfernt, in Steinhagen-Amshausen im Kreis Gütersloh, ragt das monumentale Werk mitten in einer beschaulichen Ortschaft in die Höhe. Und zwar vor dem Eingang einer Fabrik, direkt am Straßenrand. Als Autofahrerin erschrickt man fast vor der 5,70 Meter hohen Bronzeskulptur.

Balkenhol hatte sich mit dem „Großen Knienden“ 2010 am Wettbewerb für das „Einheitsdenkmal“ in Berlin beteiligt und dort einen beachtlichen Rang erreicht. Ihren bleibenden Platz fand die drei Tonnen schwere Skulptur dann schließlich auf ostwestfälischem Boden.

„Heute noch knien?“, dachte ich, als ich auf dem Bürgersteig in Amshausen stand, weil mir das gleichnamige Büchlein von Karl-Josef Kuschel einfiel, das aus irgendeinem Nachlass einmal in meinem Regal gelandet war. Der Theologe beleuchtet darin die Ambivalenz des Kniens sowohl als politische wie auch als religiöse Ausdrucksform: „Schon in der Antike war der Kniefall in seiner Bedeutung nicht eindeutig. Und von Anfang an waren hier Religion und Politik …miteinander verquickt.“ Ich erinnere mich an die Bilder aus Myanmar, die im Frühjahr um die Welt gingen: Vor einer Polizistengruppe in Kampfmontur fällt eine Ordensfrau mitten auf der Straße flehend auf die Knie. Hilft ihr der Bonus Ihres Ordenskleides? - Die politische Kontroverse um den Kniefall von Bundeskanzler Brandt 1970 im Warschauer Getto fällt mir ein. Die einen sprachen von Respekt, Trauer, Schuldbewusstsein, die anderen sahen ihren nationalen Stolz verletzt, witterten Unterwerfung, Kapitulation. – Oder da fällt ein junger Mann vor seiner „Angebeteten“ auf die Knie, um ihr einen Heiratsantrag zu machen. Symbolisiert das Hingabe? Unterwürfigkeit? Ist das romantisch oder ganz einfach kitschig?

Foto: Marlies Fricke

Aber zurück zu meinem Ausflugsziel: Hier kniet nun dieser imposante Koloss als „Kunst im öffentlichen Raum“. Ich finde ihn auf Anhieb sympathisch und anregend: Erdverbunden, unpathetisch, in aufrechter Haltung; gekleidet, als käme er gerade aus dem Büro. Das ernste, entspannte Gesicht und die offenen Augen blicken geradeaus, Arme und Hände fallen locker herab. Ohne ihn religiös vereinnahmen zu wollen – für mich könnte er auch ein „Großer Betender“ sein.

Groß ist er für mich nicht wegen seiner 5,70 Meter Höhe, nein, wer niederkniet, macht sich rechnerisch klein. Doch „der Mensch ist nie so groß, als wenn er kniet“, so hat der hl. Johannes XXIII. einmal gesagt. Da spricht tiefe Einsicht eines erfahrenen Beters.

Doch spüren wir hier nicht auch wieder die o. g. Ambivalenz? Sicher nicht ein Knien aus Reue oder Schwäche meinte der frühere Papst. Gemeint ist doch eine Haltung aus Stärke und gesunder Demut, die um die eigenen Grenzen und die eigene Endlichkeit weiß. „Hier hat Ergebenheit nichts mit blinder Unterwerfung gemein“, so resümiert auch Kuschel, sondern mit der „Anerkennung einer letzten Wirklichkeit, die uns hält und trägt.“

„Herr, lehre uns beten“ (Lk 11,1). – In der Gebetsschule Jesu darf auch die Körper-Sprache, dürfen Gebetsgebärden und körperliche Ausdrucksformen ausprobiert oder vertieft werden. Nicht um eine perfekte Salonfrömmigkeit geht es, sondern um das Herausfinden der je eigenen Form, Gott mithilfe des Leibes mehr ins Leben zu lassen, egal, ob jemand dabei steht oder sitzt, liegt oder kniet, geht oder tanzt.

© Martina Lindner, Pfarrbriefservice

„Ich kann über die Menschwerdung Gottes im Sessel nachdenken – es bleibt alles im Kopf“, schreibt der Benediktinerabt Michael Reepen über die Bedeutung von Gebetsgebärden in der Beziehung zu Gott. „Wenn mir aber die Größe Gottes wirklich aufgehen soll, wenn sie mir in die Knochen fahren soll, dann muss ich niederknien und anbeten.“

Das Niederknien auf dem Boden, in einer Kirchenbank oder auf einem Meditationshocker bietet viele Formen, um dasjenige auszudrücken, was mich innerlich berührt und bewegt, etwa durch die Haltung des Oberkörpers, der Arme und Hände oder des Kopfes. Da sind die Gebärden an sich schon Gebet! Gott versteht die Sprache unseres Leibes, auch ohne Worte.

Die kommenden Novemberwochen mit ihren Gedenk- und Trauertagen machen uns sensibler für die Dunkelheiten der Welt und auch der eigenen Seele. Solche Dunkelheiten ehrlich wahrzunehmen, sie nicht zu verdrängen, ist die Aufforderung dieser Tage.  Aber auch, mit ihnen und all unserem Sehnen nicht allein zu sein. „Schüttet euer Herz vor ihm aus! Denn Gott ist unsere Zuflucht“ (Psalm 62,9). Vielleicht ist hier die uralte Gebärde des Niederkniens die wahrhaftigste. Und sich dann - als Empfangende, aus der Tiefe - aufrichten zu lassen durch Jesu Zusage "Ich bin bei euch alle Tage", ist mit das Kostbarste, was der christliche Glaube uns bietet!

Heute noch knien? Aber ja!

Herzlich grüßt Sie
Marlies Fricke (GCL)

27. Oktober 2021

 

Der kleine Mensch ist groß und würdig vor Gott. Und Gott macht sich „klein“, damit wir ihn in allen Dingen finden können:

 

Querschnitt durch einen Apfel
Foto: Rasbak - CC BY-SA 3.0

GROSSER GOTT KLEIN

großer gott:
uns näher
als haut
oder halsschlagader
kleiner
als herzmuskel
zwerchfell oft:
zu nahe
zu klein –
wozu
dich suchen?

wir:
deine verstecke

Kurt Marti (1921 – 2017)