Foto: Thomas Gertler

Die Kiefernzapfen

In diesem Jahr habe ich mir für meine stillen Tage im Kloster Alexanderdorf zur täglichen Betrachtung einen Kiefernzapfen genommen. Bei meinem ersten Spaziergang durch den Wald habe ich ihn gefunden. Er war noch ganz geschlossen, nass und voller Sand. Den Sand habe ich erst einmal abgewischt. Das war aber nur äußerlich. Die erste Betrachtung habe ich noch mit dem ganz geschlossenen Zapfen gemacht.

Sie wissen noch, wie man diese Art von Betrachtung macht? Also es geht natürlich mit dem Gebet los. Hier bete ich, dass ich nicht nur für Gott und seine Wirklichkeit ganz offen bin, sondern auch für diesen Kiefernzapfen oder noch genauer, dass Gott durch den Kiefernzapfen zu mir spricht. Dass ich ihn mit allen meinen Sinnen wahrnehmen kann. Und dann beginne ich damit. Nur schauen, nur tasten, nur wahrnehmen, ja, auch riechen, ja, auch schütteln – immer noch fällt Sand ab.

Immer wenn meine Gedanken abschweifen, kehre ich wieder zurück zum Zapfen. Und nicht nachdenken, nicht wissen wollen, wie denn die einzelnen Teile wohl heißen. Nur schauen und wahrnehmen. Und da sehe ich, wie sehr geschlossen der Zapfen ist. Geradezu wie eine kleine Burg oder besser wie ein Turm. Lauter kleine Kacheln oder Schilde mit etwas wie einem Stachel in der Mitte, also das sieht wirklich aus wie ein Schild zur Abwehr. Und tatsächlich erfahre ich dann später, dass die kleine Erhebung in der Mitte, die auch ein bisschen stachlig ist, „umbo“ heißt und das ist der Schildbuckel, beim Schild eines römischen Soldaten… Die Kiefer schützt ihre Samen sehr intensiv und stark, wie eine römische Soldatenformation.

Die Schuppen und Schilder sind spiralförmig um die Mittelachse des Zapfens angeordnet und ich habe eine ganze Betrachtungszeit damit zugebracht, nur wahrzunehmen, wie diese Spiralen um die Mitte herum nach oben verlaufen. Auf dem Bild oben von rechts unten nach links oben. Öfter kann es so oder so nach oben weiter gehen. Die Schilde sind auch oft fünfeckig und nach verschiedenen anderen Schilden anschlussfähig. In der Natur verläuft es eben nicht immer ganz mechanisch und starr nur nach einer einzigen Möglichkeit. Faszinierend.

Foto: Thomas Gertler

Am nächsten Tag war der Zapfen schon offen. Die Wärme im Zimmer hat das Ihre bewirkt. Und er öffnete sich immer weiter. Und da sah ich auch, dass der Zapfen noch Samen hatte, die sind in den Schuppen verborgen und fallen dann nach dem Öffnen heraus. Und es war immer noch Sand im Zapfen und am Zapfen. Klebte richtig fest. Ging nicht weg. Auch nicht vollständig unter dem Wasserhahn. Kiefer und Sand gehören irgendwie zusammen. Und außer dem Sand lebte da noch so einiges Kleinstgetier im Zapfen, das dann während der Betrachtung über den Schreibtisch wegrannte. Ich sah sie nur sich bewegen, erkennen, was es war – unmöglich.

Und dann habe ich mal eine ganze Betrachtung lang angeschaut, wie diese spiralige Anordnung der Kiefernschuppen bei dem geöffneten Zapfen von oben aussieht. Das ist auch äußerst kurzweilig und erstaunlich und hat vermutlich seinen Grund darin, wie dann die Samen aus den Zapfen fallen sollen. Aber nicht nachdenken, sondern nur schauen und tasten. Für mich war es großartig, diese Anordnung von oben zu sehen, ganz genau immer so, dass sie nicht aufeinander lagen, sondern alle Lücken füllten.

Foto: Thomas Gertler

Ich war auch erstaunt, wie hart und stabil dieser kleine Kerl war. Was da so eine Kiefer für ein Produkt herstellt. Wie raffiniert es ist, das sieht man ja erst, wenn man sich ihm intensiv zuwendet. Und dieser kleine Kiefernzapfen – ein absolutes Massenprodukt jedes Jahr, den man oft einfach so wegkickt, der wird einem dann nach einer Woche der Betrachtung so richtig lieb und vertraut und nahe. Natürlich habe ich ihn mitgenommen…

Was Sie lange, mit Aufmerksamkeit und Achtung anschauen, das kommt Ihnen nahe, wird Ihnen lieb und vertraut. Das gilt nicht nur für Kiefernzapfen! Und diese Art des Betrachtens bringt Ihnen die Wunder Gottes und damit Ihn selbst nahe. Gott sei Dank!

Es grüßt Sie herzlich

Thomas Gertler SJ

22. Januar 2020

 

Das Bild stellt uns so eine Lilie des Feldes dar, von der Jesus spricht, die prächtiger ist als Salomo in all seiner Pracht. Auch sie lohnt es sich, eine ganze Woche anzuschauen. Und das hilft uns, unser Sorgen zu lassen und auf Gott zu vertrauen.

Foto: Christian Fischer - CC BY-SA 3.0

Matthäus 6,25 - 34

6,25 Deswegen sage ich euch: Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen oder trinken sollt, noch um euren Leib, was ihr anziehen sollt! Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung? 26 Seht euch die Vögel des Himmels an: Sie säen nicht, sie ernten nicht und sammeln keine Vorräte in Scheunen; euer himmlischer Vater ernährt sie. Seid ihr nicht viel mehr wert als sie? 27 Wer von euch kann mit all seiner Sorge sein Leben auch nur um eine kleine Spanne verlängern? 28 Und was sorgt ihr euch um eure Kleidung? Lernt von den Lilien des Feldes, wie sie wachsen: Sie arbeiten nicht und spinnen nicht. 29 Doch ich sage euch: Selbst Salomo war in all seiner Pracht nicht gekleidet wie eine von ihnen. 30 Wenn aber Gott schon das Gras so kleidet, das heute auf dem Feld steht und morgen in den Ofen geworfen wird, wie viel mehr dann euch, ihr Kleingläubigen! 31 Macht euch also keine Sorgen und fragt nicht: Was sollen wir essen? Was sollen wir trinken? Was sollen wir anziehen? 32 Denn nach alldem streben die Heiden. Euer himmlischer Vater weiß, dass ihr das alles braucht. 33 Sucht aber zuerst sein Reich und seine Gerechtigkeit; dann wird euch alles andere dazugegeben. 34 Sorgt euch also nicht um morgen; denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen. Jeder Tag hat genug an seiner eigenen Plage.