Moderne Urnen
Foto: Kulopeli - CC BY-SA 4.0

Ich habe meinen Mann geklaut …

Am Bahnhof in Ostseenähe. Auf dem Bahnsteig wartet eine Ordensschwester. An ihrem Ordenskleid weithin erkennbar. Der Zug lässt auf sich warten. Da nähert sich eine Frau der Schwester: „Sie sind doch eine Nonne?“ „Ja.“ Denn für lange Erklärungen, dass Nonnen eigentlich kontemplative Schwestern sind, die das Kloster normalerweise nicht verlassen, war da jetzt keine Zeit.

„Schwester, Sie müssen mir helfen!“

„Ja, wie denn?“

„Sie müssen wissen, ich habe meinen Mann geklaut.“

„Waaaas?“

„Ja, er ist vor einem Jahr gestorben und in einem Urnengrab beigesetzt worden.“

„Und?“

„Ich hab ihn jetzt geklaut.“

„Wie?“

„Ja, ich hab ihn heimlich wieder ausgebuddelt und hab ihn jetzt hier bei mir.“ Und sie kramt in ihrer großen Tasche. Erst eine Tüte mit einer Flasche Wodka. Dann eine große Tüte mit der Urne. „Hier ist er drin.“

„Und warum haben Sie ihn geklaut?“

„Wissen Sie, er wollte doch so gerne eine Seebestattung. Die kann ich aber überhaupt nicht bezahlen. Das können Sie doch verstehen?“

„Ja, das kann ich wohl verstehen.“

„Ja, und ins Meer wollte er. Und ins Meer kommt er jetzt.“

„Und wo soll ich nun helfen?“

„Ja, Schwester, da brauche ich einen Segen. Denn ich war doch mal katholisch. Den müssen Sie als Nonne von der katholischen Kirche mir und meinem Mann jetzt geben.“

„Nun, dann gehen wir mal ein paar Schritte weiter, wo es etwas weniger voll ist. Und dann gebe ich Ihnen und Ihrem Mann den Segen.“

Und so geschah es. Gott sei Dank! Die Frau fuhr samt ihrem Mann gleich an die Ostsee weiter und ward nie mehr gesehen.

Ist das nicht eine wunderbare Geschichte? Gar nicht erfunden, sondern so passiert. Und so erzählt auf die Frage: „Wo in Ihrem Leben hat schon mal der Geist geweht?“ Ja, da hat er geweht. In all seiner unglaublichen Freiheit, mit all seinem Humor und seiner Beweglichkeit. Und hier nun mit meinen Worten und mit Erlaubnis der Schwester widergegeben.

Ja, der Geist hat gewirkt in dieser Frau, die liebevoll ihrem Mann den letzten Wunsch erfüllen wollte, und in der Ordensschwester, die den Geist hatte, um dazu den Segen zu geben. So eine wunderbare Geschichte - quer zu allem, was da die Regeln und Vorschriften so sagen in Staat und Kirche. Aber wie das Leben so spielt. Und der liebe Gott spielt mit und ist dabei und gibt seinen Segen.

Haben Sie auch schon mal so eine tolle Geschichte mit dem Heiligen Geist erlebt?

Es grüßt Sie herzlich
Thomas Gertler SJ

17. Oktober 2018

 

Mir scheint die Geschichte von der Sünderin sehr gut zu dieser Geschichte von der unbekannten Frau am Bahnhof zu passen. Hier wie da erweist eine Frau auf sehr drastische Weise ihre Liebe. Und das passt nicht in die „normale“ Welt. Jesus aber hat die Freiheit, sie anzunehmen und diese Frau vor den Augen all der anderen Männer gewähren zu lassen und sie zu verteidigen und ihnen die Augen zu öffnen für diese Liebe. Die größer ist als die kleine Liebe der Pharisäer.

Eines noch zur Erklärung. Damals saß man nicht bei feierlichen Mahlzeiten auf einem Stuhl, sondern man lag auf Polstern, streckte also die Füße in den Raum. Wenn da jemand von außen dazu kam, traf man also auf die Füße der Mahlfeiernden. Die Frau hatte es also leicht, die Füße Jesu zu salben. Hier ein Bild, das die Szene ungefähr realistisch darstellt (Pierre Subleyras: Das Mahl im Haus des Simon, gemalt 1737).

 

 

Lukas 7,36 - 49

7,36 Einer der Pharisäer hatte ihn [Jesus] zum Essen eingeladen. Und er ging in das Haus des Pharisäers und setzte [wörtlich: legte] sich zu Tisch. 37 Und siehe, eine Frau, die in der Stadt lebte, eine Sünderin, erfuhr, dass er im Haus des Pharisäers zu Tisch war; da kam sie mit einem Alabastergefäß voll wohlriechendem Öl 38 und trat von hinten an ihn heran zu seinen Füßen. Dabei weinte sie und begann mit ihren Tränen seine Füße zu benetzen. Sie trocknete seine Füße mit den Haaren ihres Hauptes, küsste sie und salbte sie mit dem Öl. 39 Als der Pharisäer, der ihn eingeladen hatte, das sah, sagte er zu sich selbst: Wenn dieser wirklich ein Prophet wäre, müsste er wissen, was das für eine Frau ist, die ihn berührt: dass sie eine Sünderin ist.
40 Da antwortete ihm Jesus und sagte: Simon, ich möchte dir etwas sagen. Er erwiderte: Sprich, Meister! 41 Ein Geldverleiher hatte zwei Schuldner; der eine war ihm fünfhundert Denare schuldig, der andere fünfzig. 42 Als sie ihre Schulden nicht bezahlen konnten, schenkte er sie beiden. Wer von ihnen wird ihn nun mehr lieben? 43 Simon antwortete: Ich nehme an, der, dem er mehr geschenkt hat. Jesus sagte zu ihm: Du hast recht geurteilt.
44 Dann wandte er sich der Frau zu und sagte zu Simon: Siehst du diese Frau? Als ich in dein Haus kam, hast du mir kein Wasser für die Füße gegeben; sie aber hat meine Füße mit ihren Tränen benetzt und sie mit ihren Haaren abgetrocknet. 45 Du hast mir keinen Kuss gegeben; sie aber hat, seit ich hier bin, unaufhörlich meine Füße geküsst. 46 Du hast mir nicht das Haupt mit Öl gesalbt; sie aber hat mit Balsam meine Füße gesalbt. 47 Deshalb sage ich dir: Ihr sind ihre vielen Sünden vergeben, weil sie viel geliebt hat. Wem aber nur wenig vergeben wird, der liebt wenig. 48 Dann sagte er zu ihr: Deine Sünden sind dir vergeben.
49 Da begannen die anderen Gäste bei sich selbst zu sagen: Wer ist das, dass er sogar Sünden vergibt? 50 Er aber sagte zu der Frau: Dein Glaube hat dich gerettet. Geh in Frieden!