Foto: finemayer - via pixabay.com

Das kleine Café

Es darf geraucht werden. In großen Teilen Deutschlands ist das unvorstellbar. …aber es darf geraucht werden. Das kleine Café liegt in der Innenstadt Wiens unweit vom Stephansdom und der Franziskanerkirche. Menschen aller Nationalitäten kehren dort ein und werden herzlich willkommen geheißen. Selbst wer „Rauch“ nicht „verträgt“ bleibt gerne wegen der freundlich schönen und kommunikativen Atmosphäre und nimmt das Laster der anderen einfach in Kauf. Ist kein Tischchen mehr frei, ist der Gast herzlich eingeladen sich dazu zu setzen, zum Zeitung lesen, beobachten oder sich zu unterhalten. Natürlich sitzen auch hier Menschen, die mit oder über ihr Handy kommunizieren. Die Hektik der Stadt und der Einkaufsstraßen lassen sich hier vergessen. Ein Milchkaffee und ein Paradeiserbrot wärmen zudem die Seele. … und wer es noch wärmer haben möchte, genehmigt sich hierauf auch noch ein Marillenschnapserl oder in der Advents- und Weihnachtszeit einen Orangenpunsch. Obwohl die meisten Gäste hier nicht dieselbeSprache sprechen, reichen schon ein paar freundliche Blicke oder Gesten, die Verständigung herstellen oder zulassen. Friedlich, einfach und schön

In der Jahresabschlussvesper im Stephansdom spricht Kardinal Christoph Schönborn über Mitgefühl, über Mitgefühl als Muttersprache aller Menschen und bezieht sich dabei auf eine Ansprache von André Heller zum Staatsakt 80 Jahre Hitlers „Anschluss“ am 12. März 2018 in Österreich. Eine Gedenkrede, die den Kardinal mehr als beeindruckt hat. Lesen sie hier was Kardinal Schönborn hierzu auf der Website der Erzdiözese Wien unter der Rubrik „Antworten“ veröffentlichte. Die komplette Ansprache von André Heller gibt es hier.

Kaum ein Mensch ist ganz ohne Mitgefühl. Aber Mitgefühl muss auch kultiviert werden. Ein erster Schritt zum Mitgefühl ist, genauer hinzuschauen, achtsam auf Mitmenschen und die Natur zu schauen, hinzuhören wenn Menschen etwas sagen, ihre Anliegen ernst zu nehmen und immer wieder zu versuchen, sich in sein Gegenüber hinein zu versetzten. Wie mag sie sich fühlen…? Wie mag seine Sicht der Dinge sein? Wie sehen es wohl Außenstehende. Und natürlich Gleichgültigkeit und Desinteresse keinen Raum geben. Wichtig:  Ich und mein Gegenüber leben nicht allein auf der Welt, deshalb ist es bedeutsam mich und meine Umgebung im Verhältnis zur gesamten Schöpfung zu betrachten. Da gibt es eine sehr schöne Übung im Exerzitienbuch des Ignatius von Loyola, die Betrachtung zur Menschwerdung (EB 106 ff). Sie hilft sehr sich selbst ins Verhältnis zum Gesamtgefüge der Welt zu stellen. Es ist eine meiner Lieblingsübungen. Ich habe sie für Sie ein wenig umgeschrieben. Vielleicht mögen Sie nun mit mir auf eine „Mitgefühl-Übungsreise“ gehen. Wenn ja, sollte der Rucksack mit Ihren fünf Sinnen gut gepackt sein. Ein ruhiger bequemer Platz und etwa eine Stunde Zeit sindvon Vorteil. Schließen Sie die Augen und aktivieren Sie Ihre fünf Sinne und schon beginnt die Reise. Stellen Sie sich bitte vor, dass Sie aus dem Weltall auf die Erde schauen…gerne auch aus einer Weltraumkapsel…

Vor Ihrem inneren Auge steht eine geliebte Person auf der Oberfläche der Erde. Sie sehen erst nur diese. Wie sieht sie aus, was ist besonders an ihr? Was tut sie gerade? Wie fühlt siesich? Dann noch eine weitere Person und noch wieder andere in so großer Verschiedenheit sowohl der Kleidung wie des Verhaltens, die einen weiß und die anderen schwarz, die einen im Frieden und die andern im Krieg, die einen weinend die anderen lachend, die einen gesund und die anderen krank, die einen bei der Geburt und die anderen beim Sterben usw. Welche Gefühle lösen diese Bilder bei Ihnen aus? Durchqueren Sie in Gedanken noch einmal die Schauplätze und versuchen sich vorzustellen wie es an den einzelnen Orten riecht, nach Blumenduft, Gewürzen, Öl, übler Gestank oder… Was hören Sie, worüber sprechen die Menschen, hören Sie einmal genau hin, ob sie lästern, Gedanken teilen oder frohes mit einander austauschen… Betrachten Sie nun das Tun der Menschen auf der Erde, wie sie einander verletzten und verwunden, aber auch wie sie lieben und dankbar sind.

Verkosten Sie Ihre Reisegefühle und Beobachtungen. Fühlen Sie mit und gehen in die Tiefe! Was regt sich in Ihnen, welche Gefühle wurden wach…? Sie werden sicherlich spüren was bitter geschmeckt hat oder süß wie Honig war.

Beenden Sie Ihre Reise von außen schauend auf sich selbst, was tun Sie, wie reden Sie…? Aber seien Sie nicht zu hart und haben auch Mitgefühl mit sich selbst. Verzeihen, auch sich selbst verzeihen ist ohne Mitgefühl nicht möglich.

Mitgefühl ist die Sprache, die alle Menschen verstehen. Unsere Muttersprache! Es ist uns in die Wiege gelegt als unsere Uranlage zum ‚ganz‘ Mensch sein.

Es grüßt Sie herzlich
Doris Krieger-Müller

13. Februar 2019

 

Mitgefühl ist urmenschlich. Jeder Mensch versteht diese Sprache. Das Tragische ist nur, dass man diese Sprache verlernen kann! Das Zwanzigste Jahrhundert hat es in erschütternder Weise gezeigt: Man kann die Weltmuttersprache Mitgefühl verlernen. Aber damit verliert man etwas Wesentliches vom Menschsein. Mitgefühl ist urmenschlich, und ein Mensch ohne Mitgefühl ist unmenschlich. Mitgefühl ist nicht Romantik. Man sage uns nicht, das sind Gefühle, nein, das ist etwas viel Tieferes.
(Auszug aus der Ansprache von Kardinal Schönborn zum Jahresabschluss 2018)

Foto: Doris Krieger-Müller
Statue von Georg Ehrlich „Mutter und Kind“ (1932) im Resselpark Wien.

 

Jesaja 49, 13-16

Jubelt, ihr Himmel, jauchze, o Erde, freut euch ihr Berge! Denn der Herr hat sein Volk getröstet und sich seiner Armen erbarmt. Doch Zion sagt: Der Herr hat mich verlassen, Gott hat mich vergessen. Kann denn eine Frau ihr Kindlein vergessen, eine Mutter ihren leiblichen Sohn? Und selbst wenn sie ihn vergessen würde: ich vergesse dich nicht. Sieh her: Ich habe dich eingezeichnet in meine Hände, deine Mauern habe ich immer vor Augen.