Aus: Wilhelm Busch, Die fromme Helene (Ihr Diener Schang zeigt Reue)

 

Selbstkritik

Wurde im Stalinismus unter dem Titel „Kritik und Selbstkritik“ als Unterdrückungsinstrument missbraucht und hat Menschen in die furchtbaren Gulag-Lager gebracht. Es gibt auch Psychologen, die gegen Selbstkritik ganz kritisch eingestellt sind, weil ich dadurch nur meinen inneren Kritiker stärke und immer unzufriedener und unglücklicher mit mir selbst werde. Nein, lobe dich selbst! Herzlich und innig und oft. Sei wie der Präsident von Amerika!

Ja, was mache ich aber mit meinen Fehlern und Erbärmlichkeiten? Das entsprechende bewährte Mittel heißt: verleugne sie! Es gibt sie nicht. Ich bin perfekt und ich will und muss ja auch perfekt sein. Das ist es, was gerade die Umwelt heute erwartet und verlangt und mir vormacht: sei perfekt. Sei glatt und poliert und abweisend schön. Unangreifbar muss ich sein. So wie mein gepflegtes Riesen-Panzer-Auto, das heilig Blechle. Oder wie mein Vorgarten oder mein Wohnzimmer, die gute Stube. Alles auf Hochglanz poliert. Und die Fehler machen immer die anderen. Siehe unsere großartigen Automanager.

Es gibt aber auch einen anderen Umgang mit dem Thema. Mit Humor und Souveränität. Das habe ich in Wilhelm Buschs „Kritik des Herzens“ gefunden:

 

Die Selbstkritik hat viel für sich.
Gesetzt den Fall, ich tadle mich,
So hab' ich erstens den Gewinn,
Daß ich so hübsch bescheiden bin;

Zum zweiten denken sich die Leut,
Der Mann ist lauter Redlichkeit;
Auch schnapp' ich drittens diesen Bissen
Vorweg den andern Kritiküssen;

Und viertens hoff' ich außerdem
Auf Widerspruch, der mir genehm.
So kommt es denn zuletzt heraus,
Daß ich ein ganz famoses Haus.

 

Man kann freilich das Gedicht auch ganz humorlos lesen und dann ist es ein Gedicht darüber, dass auch die Selbstkritik nochmal völlig egoistisch und verdorben sein kann. Eine sehr pessimistische Sicht. Sicher war Wilhelm Busch eher pessimistisch, aber er hatte Humor und hat die Menschen im Großen und Ganzen nie lieblos kritisiert. Ich kann das Gedicht also auch so deuten, dass es Mut machen will zur ja eher unangenehmen Selbstkritik, weil sie auch viele Vorteile für den bringt, der selbstkritisch ist. Siehe Bischöfin Margot Käßmann, die 2010 nach ihrer Selbstkritik wegen ihrer Alkoholfahrt beliebter war als vorher!

Und der erste und wichtigste Vorteil der Selbstkritik ist, dass wir uns selbst besser erkennen und darum auch besser mit uns selbst umgehen können. „Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung.“ Oft spöttisch gebraucht, aber sehr wahr. Über dem antiken Apollo-Tempel in Delphi stand: „Gnothi seauton – Erkenne dich selbst – nosce te ipsum.“ Und natürlich soll diese Selbsterkenntnis und die Selbstkritik aus einem ehrfürchtigen Interesse, ja, mit Liebe geschehen. Denn wahre Erkenntnis ist am tiefsten und am besten aus echtem ehrfürchtigen Interesse und aus Liebe auch für mein eigenes dunkles Inneres. Für uns als Christen hat das seinen tiefsten Grund darin, dass wir uns nicht uns selbst verdanken, auch nicht allein den Eltern und den Umständen, sondern der schöpferischen Liebe Gottes.

Und noch drei Tipps zur Selbstkritik: wie alle Kritik soll sie nicht verallgemeinern und abstrahieren: Ich bin immer … das habe ich noch nie…, sondern konkretisieren: diese eine Angst vor…, diese Erfahrung damals… Und nicht allesändern wollen, sondern nur etwas jetzt Mögliches und sei es noch so klein oder wenig.

Und immer sollen wir im Bewusstsein halten, die Liebe Gottes ist tiefer und stärker als alle Verzerrungen, Verwundungen, Sünden und Bösartigkeiten meines Herzens, die ich finden mag und mich zur Selbstverachtung hinziehen mögen. Nein, im Tiefsten und im Innersten wohnen in mir schon Gott und Seine Liebe. Und da ist auch der Weg der Heilung und des Heils.

So kommt am Schluss wirklich heraus: ich bin ein ganz famoses Haus.

Es grüßt Sie herzlich
Thomas Gertler SJ

11. Juli 2018

 

Ehe wir andere kritisieren, rät uns Jesus, sollen wir auf uns selbst kritisch schauen. Matthäus hat uns das Gleichnis Jesu vom Splitter und vom Balken überliefert.

 

Das Gleichnis vom Splitter und vom Balken nach Domenico Fetti (um 1619)

 

Matthäus 7,3 - 5

7,3 Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht? 4 Oder wie kannst du zu deinem Bruder sagen: Lass mich den Splitter aus deinem Auge herausziehen! - und siehe, in deinem Auge steckt ein Balken! 5 Du Heuchler! Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, dann kannst du zusehen, den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen!