Foto: Frankie Fouganthin - CC BY-SA 4.0

Die Liebe bleibt…

Das ist nicht gerade die Erfahrung unserer Tage. Die lautet eher: Liebe vergeht und bleibt nicht. So beschreibt es Brecht mit seinem Gedicht "Erinnerung an Marie A…" von der verschwebenden Wolke. Diese sehr weiße Wolke erinnert er noch, gerade, weil sie nur so kurz sichtbar gewesen war. Die Liebe bleibt nicht. Verweht wie die Wolke im Wind. Das ist sehr häufig unsere Erfahrung heute.

Aber ich möchte Ihnen einen Text und darin eine Erfahrung mitteilen, die auch aus unserer Zeit und aus einem Zusammenhang stammt, wo es absolut keine Liebe geben sollte, nämlich aus dem Konzentrationslager, aus dem KZ. Viktor Frankl (1905-1997), ein jüdischer Arzt aus Wien, hat es am eigenen Leibe erfahren. Und was er schreibt, war nicht allein seine Erfahrung. Aber er hat sie niedergeschrieben und hat intensiv darüber nachgedacht und ins Tun übersetzt. Ja, er hat gerade aus diesen Erfahrungen im KZ seine ganze Schule der Logotherapie und der Existenzanalyse entwickelt.

Er beschreibt, wie sie als Häftlinge sehr früh morgens zur Arbeit getrieben werden:

„Während wir kilometerweit dahinstolpern, im Schnee waten oder auf vereisten Stellen ausgleiten, immer wieder einander stützend, uns gegenseitig hochreißend und vorwärtsschleppend, fällt kein Wort mehr, aber wir wissen in dieser Stunde: jeder von uns denkt jetzt nur an seine Frau. Von Zeit zu Zeit schau ich zum Himmel hinauf, wo die Sterne verblassen, oder dort hinüber, wo hinter einer düsteren Wolkenwand das Morgenrot beginnt. Aber mein Geist ist jetzt erfüllt von der Gestalt, die er in jener unheimlich regen Phantasie festhält, die ich früher, im normalen Leben, nie gekannt hatte. Ich führe Gespräche mit meiner Frau. Ich höre sie antworten, ich sehe sie lächeln, ich sehe ihren fordernden und ermutigenden Blick, und – leibhaftig oder nicht – ihr Blick leuchtet jetzt mehr als die Sonne, die soeben aufgeht. Da durchzuckt mich ein Gedanke: Das erstemal in meinem Leben erfahre ich die Wahrheit dessen, was so viele Denker als der Weisheit letzten Schluß aus ihrem Leben herausgestellt und was so viele Dichter besungen haben; die Wahrheit, daß Liebe irgendwie das Letzte und das Höchste ist, zu dem sich menschliches Dasein aufzuschwingen vermag. Ich erfasse jetzt den Sinn des Letzten und Äußersten, was menschliches Dichten und Denken und – Glauben auszusagen hat: die Erlösung durch die Liebe und in der Liebe! Ich erfasse, daß der Mensch, wenn ihm nichts mehr bleibt auf dieser Welt, selig werden kann – und sei es auch nur für Augenblicke -, im Innersten hingegeben an das Bild des geliebten Menschen. In der denkbar tristesten äußeren Situation, in eine Lage hineingestellt, in der er sich nicht verwirklichen kann durch ein Leisten, in einer Situation, in der seine einzige Leistung in einem rechten Leiden – in einem aufrechten Leiden bestehen kann, in solcher Situation vermag der Mensch, im liebenden Schauen, in der Kontemplation des geistigen Bildes, das er vom geliebten Menschen in sich trägt, sich zu erfüllen. Das erstemal in meinem Leben bin ich imstande zu begreifen, was gemeint ist, wenn gesagt wird: die Engel sind selig im endlos liebenden Schauen einer unendlichen Herrlichkeit...“ (… trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager. dtv-Taschenbuch 780, München, 5. Aufl. 1982, S 65f)

An dieser Stelle lade ich Sie ein, dem Gelesenen nachzugehen und es zu bedenken. Sie sollten nicht einfach schnell weiterlesen.

Es ist fast nicht zu glauben, dass das geschehen ist und geschieht. In solcher Situation der äußersten Unterdrückung und Peinigung, der Entwürdigung und des Gequält-Werdens solch eine Erfahrung zu machen und des tiefsten Sinnes des Lebens inne zu werden. Freilich haben nicht alle diese Erfahrung gemacht. Dazu braucht es auch eine innere Vorbereitung, nämlich das Suchen und das Leben nach einem Sinn im Leben und nach einer Deutung und nach etwas Höherem als dem eigenen Ich schon vorher. Und das war darum auch das Bestreben von Viktor Frankl, auf den Sinn und auf das Höhere hinzuweisen und zu lehren, wie wir uns danach ausstrecken können und Sinn finden.

Dieser Sinn und dieses Höhere ist auch in der jetzigen schweren Situation zu entdecken und zu leben und zu bezeugen. Es ist die Liebe. Sie bleibt und vergeht nicht wie die Wolke im Wind. Ja, sie reicht über die Grenzen dieses Lebens hinaus und hinein in Gott, der selbst die Liebe ist.

Es grüßt Sie herzlich
Thomas Gertler SJ

1. Dezember 2021

Es liegt nahe hier den ersten Korintherbrief mit seinem Hohelied der Liebe zu zitieren: „Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung und Liebe. Am größten aber ist die Liebe“ (1 Kor 13,13). Ich habe Ihnen aber den ersten Johannesbrief ausgewählt. Gottes Liebe wird konkret, indem er uns Christus schenkt. Und indem Christus sich für uns hingibt. Das ist auf diesem Gemälde von Luis Tristán aus dem Jahr 1624 dargestellt. Und in Christus können wir jeden Häftling und gequälten Menschen von heute sehen.

 

1. Johannesbrief 4,7 - 15

4,7 Geliebte, wir wollen einander lieben; denn die Liebe ist aus Gott und jeder, der liebt, stammt von Gott und erkennt Gott. 8 Wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt; denn Gott ist Liebe. 9 Darin offenbarte sich die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen einzigen Sohn in die Welt gesandt hat, damit wir durch ihn leben. 10 Darin besteht die Liebe: Nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt und seinen Sohn als Sühne für unsere Sünden gesandt hat. 11 Geliebte, wenn Gott uns so geliebt hat, müssen auch wir einander lieben. 12 Niemand hat Gott je geschaut; wenn wir einander lieben, bleibt Gott in uns und seine Liebe ist in uns vollendet. 13 Daran erkennen wir, dass wir in ihm bleiben und er in uns bleibt: Er hat uns von seinem Geist gegeben. 14 Wir haben geschaut und bezeugen, dass der Vater den Sohn gesandt hat als Retter der Welt. 15 Wer bekennt, dass Jesus der Sohn Gottes ist, in dem bleibt Gott und er bleibt in Gott.