Foto: Dr. Marcus Gossler - CC BY-SA 3.0

„… Wer glaubt, weiß mehr!“

Wir haben’s schwer.
Denn wir wissen nur ungefähr,
woher,
jedoch die Frommen
wissen gar, wohin wir kommen!
Wer glaubt, weiß mehr.

Aus: Erich Kästner, Kurz und bündig. 1950

Das ist ja erst einmal spöttisch gemeint. Kästner rechnet sich mit seinem uns als Leser einbeziehenden „wir“ nicht unter die Frommen, sondern zu denen, die dem Wissen folgen, nicht dem Glauben. Und die daher ungefähr wissen, dass der Mensch nicht von Adam und Eva, sondern vom Affen abstammt. Da ungefähr kommen wir her, nämlich von den gemeinsamen Vorfahren von Affen und Menschen.

Jedoch die Frommen, also diejenigen, die an Gott, den Himmel und die Hölle glauben, die sind es, die wissen, wohin sie als die Frommen und die Guten kommen, nämlich in den Himmel. Aber die wissen auch, wohin die anderen kommen. So sagt Kästner über die Frommen. Er selbst ist sich da nicht gewiss. Er sagt nicht, dass er im Nichts oder nur in der Grube landet, dass mit dem Tod alles aus ist, nein, das sagt er nicht. Er weiß es nicht. Das bleibt bei ihm offen. Das ist eben kein Gegenstand des Wissens, sondern des Glaubens. Wer glaubt, weiß mehr. Das ist natürlich spöttisch gemeint, weil nach seiner Ansicht eben Glaube kein Wissen ist.

Und damit ist in ganz wenigen Zeilen ein weites Feld betreten: Glauben und Wissen. Für viele, wie hier für Kästner sind es Gegensätze: entweder Glauben oder Wissen. Für andere gar kein Gegensatz, sondern zusammengehörig. Darüber gibt es viel zu denken und zu klären. Das kann hier und jetzt gar nicht umfassend geschehen. Ich will heute und hier nur auf Kästners spöttischen Schlusssatz hinaus: „Wer glaubt, weiß mehr.“ Meine Ansicht ist, dass er damit Recht hat, über das Spöttische hinaus. Wer glaubt, weiß mehr oder für mich besser: wer glaubt, sieht mehr und er sieht anders.

Denn das habe ich so oft erlebt, wenn Menschen zum Glauben gefunden haben. Sie machen genau diese Erfahrung. Sie sehen mehr und anders. Und das steckt auch die „alten“ Christen an, die sich schon im Glauben vorgefunden haben, die schon hineingeboren sind. Diese „neuen“ Christen sehen nun in ihrem Leben mehr und anderes und das ist eine ganz befreiende und froh machende Erfahrung. Und darum will ich hier einen anderen Spruch anführen. Er stammt von C. S. Lewis, einem englischen und anglikanischen Schriftsteller, der großartige Bücher über den Glauben geschrieben hat. Er hat es so gesagt: „Ich glaube an Christus, so wie ich glaube, dass die Sonne aufgegangen ist, nicht nur, weil ich sie sehe, sondern weil ich durch sie alles andere sehen kann.“

Das ist ja ein ganz altes Bild für die Auferstehung: Christus die aufgehende Sonne am Ostermorgen. Wunderbar dargestellt bei Grünewald:

Sie sehen nun Christus als Licht. Er ist ihnen aufgegangen wie die Sonne. Ja, das ist wunderbar. Aber es geht eben noch weiter: jetzt sehen sie alles andere in dem Licht dieser Sonne. Ich sehe eben nicht nur die aufgegangene Sonne, nein, nun sehe ich durch das Licht der Sonne alles Übrige. Die Sonne macht sichtbar. Neu und strahlend sichtbar. Wie es den Jüngern nach Ostern gegangen ist, als Christus in ihre Mitte trat. Sie saßen verängstigt und verschlossen und mit schlechtem Gewissen zusammen, denn das Kreuz war die Katastrophe und ein Schrecknis, an dem alles, was sie bisher glaubten, zerbrochen war.

Mit dem Auferstandenen in ihrer Mitte aber sehen sie nun mit einem Mal mehr und anders. Ja, das Kreuz bleibt Katastrophe und Verbrechen und sinnloses Leid. Und Jesus trägt noch die Wundmale. Aber nun wird sein Leiden zugleich der Ausdruck der alles besiegenden Liebe. Ich sehe im Licht des Glaubens diese neue Wirklichkeit, diesen neuen Sinn und mich selbst und die Welt darin. Nicht das Böse und der Tod haben gesiegt, sondern das Gute und die Liebe, und zwar für immer. Wer glaubt, weiß mehr.

Diese Erfahrung wünsche ich uns in diesen österlichen Tagen
Thomas Gertler SJ

14. April 2021

Ja, das ist die umwerfende Erfahrung des Thomas. Er will es wissen und er will sehen und tasten und anfassen. Und Jesus lässt es zu. Er lädt ihn ein, ihn leibhaft als Lebenden zu erfahren. Aber ist dann gar nicht mehr nötig. Dass ihn Jesus dazu einlädt und auf ihn eingeht, das reicht ja schon. Das ist ja schon die alles verwandelnde Erfahrung. Vorher Unglaube und Misstrauen, jetzt jubelnde Freude und neues Vertrauen und alles ist nun anders. Jetzt sieht er: Jesus ist der Erlöser, mein Erlöser, mein Herr und mein Gott.

 

Johannes 20,24 - 31

20,24 Thomas, der Didymus genannt wurde, einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. 25 Die anderen Jünger sagten zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er entgegnete ihnen: Wenn ich nicht das Mal der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in das Mal der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht. 26 Acht Tage darauf waren seine Jünger wieder drinnen versammelt und Thomas war dabei. Da kam Jesus bei verschlossenen Türen, trat in ihre Mitte und sagte: Friede sei mit euch! 27 Dann sagte er zu Thomas: Streck deinen Finger hierher aus und sieh meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! 28 Thomas antwortete und sagte zu ihm: Mein Herr und mein Gott! 29 Jesus sagte zu ihm: Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben. 30 Noch viele andere Zeichen hat Jesus vor den Augen seiner Jünger getan, die in diesem Buch nicht aufgeschrieben sind. 31 Diese aber sind aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben Leben habt in seinem Namen.