Briefmarke zum 400. Geburtstag von Friedrich Spee

Wo bleibst Du, Trost der ganzen Welt?

So haben Sie vielleicht selbst schon gesungen und gefühlt? Die Zeile stammt aus dem Lied: „O Heiland, reiß die Himmel auf…“(Gotteslob 231). Friedrich Spee von Langenfeld (1591-1635) hat es gedichtet mitten im Dreißigjährigen Krieg. Er war Jesuit, Liederdichter, Professor für Moraltheologie und Kämpfer gegen die Hexenverfolgung seiner Zeit. Er wurde nur 44 Jahre alt. Bei der Pflege kranker Soldaten in Trier hatte er sich mit der Pest angesteckt.

Das Lied singt alle die starken Gefühle der Sehnsucht heraus: nach Rettung, nach Befreiung aus dem Elend, nach Öffnung, nach Frühlingsregen und Frühlingsgrün, nach Heimat und Vaterland. So heftig Gefühle zu zeigen ist damals neu und typisch für die Barockzeit und typisch für den jungen Friedrich Spee. Er nimmt damit all die Sehnsucht der Propheten in ihrem Warten auf den Messias, auf den Erlöser in sein Lied auf. So heißt es bei Jesaja (45,8): Taut, ihr Himmel, von oben, ihr Wolken, lasst Gerechtigkeit regnen! Die Erde tue sich auf und bringe das Heil hervor, sie lasse Gerechtigkeit sprießen.

Fast wörtlich übernimmt Spee diese Worte. Und sie passen so sehr in seine Zeit, wie sie auch in die unsere passen. Immer wieder gleichen sich die Erfahrungen der Menschen durch die Zeiten hin. Das Volk Israel wartet in der Zeit des Jesaja sehnsüchtig auf die Befreiung aus der Babylonischen Gefangenschaft. Es sehnt sich danach, heimzukehren in das Gelobte Land und den Tempel wieder aufzubauen.

Zur Zeit Friedrich Spees war es die Sehnsucht nach Frieden zwischen Katholiken und Protestanten, nach dem Ende des Krieges, nach dem Ende der Pest, nach dem Ende der furchtbaren Hexenverfolgung, die alle Konfessionen in den deutschen Landen wie ein Teufelskreis eingeschlossen hatte. Auch ein Tante Spees ist darin umgekommen. Er hat unter eigener Todesgefahr das befreiende Buch „Cautio criminalis“ dagegen geschrieben.

Heute ist es die Sehnsucht nach Frieden in so vielen Teilen der Welt. Nach Gerechtigkeit und guter Regierung, dass nicht so viele Menschen fliehen müssen. Nach Verständigung über die Erhaltung des Klimas. Gerade die Me-Too-Debatte zeigt, wie vielen Frauen auch heute Gewalt angetan wird. Und auch heute noch werden in mehreren Ländern der Erde Hexen verfolgt: Seit 1960 sind vermutlich mehr Menschen wegen Hexerei hingerichtet oder umgebracht worden als während der gesamten europäischen Verfolgungsperiode, so heißt es bei Wikipedia.

Wo bleibst Du, Trost der ganzen Welt! Die Adventszeit ist nicht einfach nur die idyllische Zeit all der vielen Feiern, all der vielen Weihnachtsmärkte mit ihren würzigen Düften und Schönheiten, all des Schmucks und der Kerzen, nein, es ist die Zeit der Sehnsucht und des Ausstreckens nach Erlösung und Befreiung. Nein, eher sind all diese Feiern, die Konzerte, die Weihnachtsmärkte hineingebaut in unsere Dunkelheiten, Finsternisse, Hoffnunglosigkeiten und wollen wenigsten ein wenig Trost und Licht geben. Und das tun sie auch. Aber eben immer nur vorläufig, oberflächlich, anfanghaft. Es bleibt noch offen.

Auch Friedrich Spee hat in seinem Lied als letzte Strophe nicht die Vollendung, sondern das noch Vorläufige im Sinn:

Hier leiden wir die größte Not,
vor Augen steht der ewig Tod.
Ach komm, führ uns mit starker Hand
vom Elend zu dem Vaterland.

Erst später hat man die siebte Strophe hinzugefügt. Diese blickt schon in den Himmel hinein und in die Vollendung des neuen Himmels und der Erde, wo wir Gott für immer danken und loben. Für Friedrich Spee war noch Elendszeit. Elend ist übrigens das alte Wort für Ausland. Dass Gott uns vom Elend ins Vaterland führen möge, bekommt dann noch eine weitere und erstaunlich aktuelle Bedeutung.

Wir dürfen und sollen vor Gott unsere ganze Sehnsucht, unser Elend, unsere Hoffnung aussprechen und aussingen. Gerade das Singen drückt es oft noch tiefer und umfassender aus. Singen Sie – mit anderen, aber auch gern allein und laut dieses Lied! Das tut gut!

Gesegnete adventliche Tage!
Thomas Gertler SJ

12. Dezember 2018

 

Foto: PiccoloNamek - CC BY-SA 3.0

 

    1. O Heiland, reiß die Himmel auf,
      herab, herab vom Himmel lauf,
      reiß ab vom Himmel Tor und Tür,
      reiß ab, wo Schloss und Riegel für.
    2. O Gott, ein’ Tau vom Himmel gieß,
      im Tau herab, o Heiland, fließ.
      Ihr Wolken, brecht und regnet aus
      den König über Jakobs Haus.
    3. O Erd, schlag aus, schlag aus, o Erd,
      dass Berg und Tal grün alles werd.
      O Erd, herfür dies Blümlein bring,
      o Heiland, aus der Erden spring.
    4. Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt,
      darauf sie all ihr Hoffnung stellt?
      O komm, ach komm vom höchsten Saal,
      komm, tröst uns hier im Jammertal.
    5. O klare Sonn, du schöner Stern,
      dich wollten wir anschauen gern;
      o Sonn, geh auf, ohn deinen Schein
      in Finsternis wir alle sein.
    6. Hier leiden wir die größte Not,
      vor Augen steht der ewig Tod.
      Ach komm, führ uns mit starker Hand
      vom Elend zu dem Vaterland.
    7. Da wollen wir all danken dir,
      unserm Erlöser, für und für;
      da wollen wir all loben dich
      zu aller Zeit und ewiglich.