Foto: Ralf Roletschek - GNU FDL 1.2 only

Gott ruft mich zum nächsten,
mir möglichen Schritt

In den letzten beiden Impulsen haben wir den Ruf Gottes ins Heute gehört. Dieser Ruf Gottes geht aufs Ganze. Er will nicht nur ein bisschen. Er ruft mich als ganze Person und er ruft mich mit allem, was ich bin. Auch mit dem Dunklen. Auch mit dem, was ich selbst nicht an mir mag. Was ich vielleicht an mir selbst hasse. Ja, auch mit dem. Gott tut das, weil sein Ruf auch immer ein Ruf in die Erlösung und Befreiung ist. Dieser Ruf, der mein ganzes Leben meint und trifft, der wird dann aber, wenn er gehört und befolgt ist, in alltäglichen Schritten vollzogen und gelebt.

Darum ist das Wichtigste nach dieser Grundentscheidung der nächste mir möglich Schritt hinter Jesus her. Dabei ist jedes Wort wichtig. Der nächste Schritt. Der mir mögliche Schritt. Und der Schritt als menschliches Maß. Darüber habe ich schon mal geschrieben – vor acht Jahren. Aber heute soll es einmal wieder sein.

Also der nächste Schritt. Es fällt uns leichter über den übernächsten Schritt nachzudenken, schon weit vorauszuplanen und nicht so konkret zu sein. Gerade das Konkrete fällt uns schwer, nämlich den nächsten Schritt heute anzuschauen. Darum sollte ich das an jedem Morgen oder auch schon am Abend vorher tun und mich fragen: Was ist morgen/heute als Wichtigstes dran? Und dann um die Kraft und den Mut bitten, das auch wirklich zu tun. Denn wir verbringen gern viel Zeit damit, diesen Schritt zu vermeiden oder aufzuschieben. Ach, schnell noch Zeitung lesen. Ach, schnell erst mal die Mails checken. Ach, erst mal einen Tee machen. Nein, jetzt den nächsten Schritt tun. Das, was jetzt dran ist. Das fordert Mut und Demut. Denn meistens ist es gar nichts Großes, Heroisches, Umwerfendes. Es ist die Alltagsnotwendigkeit. Tu den Schritt und du wirst froh!

Und der mir mögliche Schritt. Das fällt mir auch viel leichter, darüber nachzudenken, was andere für Schritte tun sollten und könnten und alles wäre leichter und besser. Aber ich? Was kann ich schon tun? Und so oft habe ich es versucht, aber ich kriege es nicht hin, oder nur mal kurz, aber nicht auf Dauer. Bei mir selbst gibt es dann große Zweifel, ob es menschliche Freiheit überhaupt gibt usw. Aber das ist ein ganz typisches Ausweichen ins Allgemeine, ins Grundsätzliche und Problematische. Wenn ich auf diesem Pfad bin, dann ist das ein sicheres Zeichen, dass ich mich drücken, entschuldigen und nichts machen will. Nein, es gibt die nötige Freiheit von Gott, um den mir möglichen Schritt zu tun. Dieser Schritt ist immer möglich. Ja, tatsächlich! Sogar im Gefängnis. Das zeigen Menschen wie Alfred Delp, wie Dietrich Bonhoeffer oder Hans und Sophie Scholl von der Weißen Rose. Sie waren selbst im Gefängnis freier als ihre Bewacher. Der nächste Schritt ist möglich. Tu den Schritt und du wirst froh.

 Und nur ein Schritt, also das menschliche Maß. Wir brauchen nicht wie ein Känguru große Sprünge mit leerem Beutel machen! Der Weg zur Hölle ist ja bekanntlich mit guten Vorsätzen gepflastert. Bei diesen zur Hölle führenden handelt es sich um Vorsätze, die alle zu groß, zu unrealistisch und von vornherein zum Scheitern verurteilt waren. Diese Vorsätze haben genau die Wirkung von Punkt zwei: Ich schaffe es sowieso nie! Ich scheitere immer! Nie gelingt es! Sie haben also die teuflische Wirkung, in mir die Verzweiflung an mir selbst zu vergrößern. Darum ist das mit dem Schritt so wichtig. Lieber ein kleiner oder ganz kleiner Vorsatz, der umgesetzt wird, als ein großer, der scheitert. Der kleine Schritt, der gelingt, macht mich nicht nur froh, sondern er verändert tatsächlich etwas. Und wenn er an der richtigen Stelle getan wird, dann verbessert er mein ganzes Leben. Tu den kleinen Schritt und du wirst froh!

Dazu die folgende Geschichte. Ein Mann kommt mit seinem kaputten Auto zum Meister. Der schaut sich den Wagen genau an. Prüft hier und da. Dann holt er seinen Hammer und gibt einen kräftigen Schlag an eine bestimmte Stelle. Der Wagen läuft wieder. „150 Euro“, sagt er und hält die Hand auf. „Wie? Ein einziger Schlag mit dem Hammer und 150 Euro?, fragt der Mann. „Ja!“, sagt der Meister, „Ein Euro für den Schlag, 149 für ‚Gewusst, wo‘.“

Und noch etwas Letztes: ich muss gar nicht den ganzen Weg wissen, nur den nächsten, mir möglichen Schritt. Denn der Weg entfaltet sich beim Gehen. Als Abraham auf Gottes Ruf hin aufbrach in das Gelobte Land, ahnte er nicht, was er alles auf diesem Weg mit Gott, mit seiner Familie, mit sich selbst erleben würde. Schritt für Schritt ist er gegangen und angekommen.

Es grüßt Sie herzlich und wie gesagt: Tun Sie den nächsten, möglichen Schritt und Sie werden froh!

Thomas Gertler SJ

8. Februar 2023

Das Bild zeigt uns Abraham auf dem Weg mit seiner ganzen großen Sippe, hin in das Land Kanaan. Er nimmt alles mit, weil wir immer alles, was zu uns gehört, mitnehmen auf den Weg mit Gott. Er wird auch lernen los zu lassen. Alles, was wir dann auf Gott hin los lassen, das wird heil und gut.

Genesis 12, 1-7

12,1 Der HERR sprach zu Abram: Geh fort aus deinem Land, aus deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich dir zeigen werde! 2 Ich werde dich zu einem großen Volk machen, dich segnen und deinen Namen groß machen. Ein Segen sollst du sein. 3 Ich werde segnen, die dich segnen; wer dich verwünscht, den werde ich verfluchen. Durch dich sollen alle Sippen der Erde Segen erlangen. 4 Da ging Abram, wie der HERR ihm gesagt hatte, und mit ihm ging auch Lot. Abram war fünfundsiebzig Jahre alt, als er von Haran auszog. 5 Abram nahm seine Frau Sarai mit, seinen Neffen Lot und alle ihre Habe, die sie erworben hatten, und alle, die sie in Haran hinzugewonnen hatten. Sie zogen aus, um in das Land Kanaan zu gehen, und sie kamen in das Land Kanaan. 6 Abram zog durch das Land bis zur Stätte von Sichem, bis zur Orakeleiche. Die Kanaaniter waren damals im Land. 7 Der HERR erschien Abram und sprach: Deinen Nachkommen gebe ich dieses Land. Dort baute er dem HERRN, der ihm erschienen war, einen Altar.