Protestschritte in Jerewan 2018 (Mitte: Nikol Paschinjan)
Foto: Ավետիսյան91 - CC BY-SA 4.0

Take a step

Wir kennen Armenien ja vor allem von Witzen aus der alten Sowjetunion, von Anfragen an den Sender Jerewan: „Stimmt es das Genosse Kirillow einen roten Moskwitsch im Lotto gewonnen hat? Antwort: Im Prinzip Ja, allerdings handelt es sich nicht um einen roten Moskwitsch, sondern um ein rotes Fahrrad und dieses Fahrrad hat der Genosse Kirillow nicht gewonnen, sondern es ist ihm gestohlen worden.“ So gingen die Witze damals.

Das waren traurige Zeiten, die Humor dringend nötig hatten. Inzwischen aber hat sich in Armenien eine samtene Revolution ereignet durch den mutigen Widerstand von erst wenigen und dann immer mehr Menschen gegen die korrupte Regierung vorher. Und das Mittel war eine Wanderung durch das Land. Anführer war Nikol Paschinjan. Er ist jetzt der Premierminister des Landes.

Für den Marsch durch das Land hat er ein Gedicht gemacht: My step – Mein Schritt. Hier können Sie es lesen.

Dieses Gedicht ist auch vertont worden. Hier können sie es hören, aber verstehen ist schwer, wenn man nicht Armenisch kann, aber es sind auch tolle Bilder von diesem Marsch durch Armenien zu sehen. Heute wird das Land durch eine Allianz regiert, die diesen Namen trägt: „My Step“.

Das hat mich so sehr berührt, weil schon seit langer Zeit dies meine Überzeugung ist: Es kommt auch in der Beziehung zu Gott und zu den Menschen immer nur darauf an, den nächsten, mir möglichen Schritt zu tun. Die Überzeugung habe ich aus der mehrjährigen Erfahrung der Wallfahrt gewonnen. Konkret aus der Erfahrung der Wallfahrt von Magdeburg über den Harz bis ins Klüschen Hagis im Eichsfeld. Etwa 200 km zu Fuß. Und die wichtigste Erfahrung bei einer Wallfahrt auf den eigenen Füßen und über eine lange Strecke ist: Wenn du immer den nächsten Schritt tust, wirst du ankommen.

Diese Botschaft ist sehr wichtig. Dass sie nun eine solche erstaunliche Bestätigung auch in der Politik gefunden hat, finde ich großartig. Ich will diese Botschaft noch ein wenig erläutern, denn es ist dabei alles drei wichtig: der nächste, der mir mögliche Schritt.

Der nächste Schritt. Wir sind auf dem Weg. Oft wollen wir ihn möglichst vollständig überblicken, aber das ist meist nicht möglich. Es genügt jedoch die richtige Richtung zu wissen und auf diesem Weg den nächsten Schritt zu tun. Oft denken wir weit voraus und wollen schon den übernächsten Schritt tun. So aber fallen wir hin und verstolpern uns. Der nächste Schritt erfordert eine eigene Konkretheit, Mut und Demut. Mehr als den nächsten braucht es nicht.

Der mir mögliche Schritt: Leicht fällt mir zu denken und zu sagen, welche Schritte andere machen sollten und könnten, damit alles besser und leichter wird. Aber ich selbst? Da werden die Schwierigkeiten oft riesig und fast unüberwindlich. Nein, ich kann keinen Schritt tun. So oft habe ich es probiert. Nie ist es was geworden! So denken wir oft. Aber das ist sowieso übertrieben. Wie viele Schritte habe ich doch tatsächlich schon geschafft. Nur manchmal bin ich wieder wie bei der Echternacher Springprozession zurückgesprungen (dort springt man übrigens gar nicht zurück, sondern nur seitwärts und vorwärts). Und ein nächster Schritt ist immer möglich, vielleicht erst nach einer Pause, aber doch möglich. So lehrt die Wallfahrt.

Und das letzte: ein Schritt. Es muss kein großer Sprung sein, sondern das menschliche Maß und das ist der Schritt. Und auch die längste Reise beginnt mit dem ersten Schritt. Also wenn ich mir etwas vornehme, dann soll es lieber etwas Kleines sein, das ich tue, als etwas Großes, das ich dann nicht hinkriege und mich darum traurig macht. Tu das Kleine, dir Mögliche und du wirst froh…

Take a step! Mach nur einen Schritt. Das kann alles zum Besseren verändern.

Es grüßt Sie herzlich
Thomas Gertler SJ

22. Mai 2019

Als Bild habe ich wieder den Weg nach Emmaus genommen. Jesus geht unsere Schritte mit, selbst wenn wir ihn erstmal nicht erkennen. Der Text ist ein Irischer Segenswunsch und er passt gut zu diesem Gehen und dem nächsten Schritt. Gott geht alle Wege mit und er schenkt uns Jesus als Begleiter und seinen Geist als Schutz.

 

Der Herr sei vor dir, um dir den rechten Weg zu zeigen.
Der Herr sei neben dir, um dich in die Arme zu schließen
und dich zu schützen.

Der Herr sei hinter dir, um dich zu bewahren
vor der Heimtücke böser Menschen.

Der Herr sei unter dir, um dich aufzufangen,
wenn du fällst.

Der Herr sei in dir, um dich zu trösten,
wenn du traurig bist.

Der Herr sei um dich herum, um dich zu verteidigen,
wenn andere über dich herfallen.

Der Herr sei über dir, um dich zu segnen.

So segne dich der gütige Gott.

Sedulius Caelius