„Spieglein, Spieglein an der Wand“

In der Umkleidekabine eines Kaufhauses. Wie praktisch sind doch diese Spiegel, mit deren Hilfe man sich von hinten oder im Profil sehen kann. Aber, oje, es kann offenbarend sein, sich plötzlich von einer anderen Seite zu sehen: der Bauch ist dicker geworden, der Rücken krummer. Waren die Haare auf dem Hinterkopf schon immer so dünn?

Sich selbst begegnen

Rund 80 Prozent der Deutschen scheuen im Urlaub den Kontakt zu anderen Deutschen, denn „zu plump, zu steif, zu spießig erscheint der Deutsche dem Deutschen im Ausland“ (Die Zeit). Ich wage die Frage: Kann es sein, dass der oder die Deutsche weniger Scheu hat, eigenen Landsleuten als vielmehr sich selbst zu begegnen?

Sich selbst zu begegnen meint, seinem Spiegelbild, aber mehr noch seiner Innenwelt zu begegnen mit Idealvorstellungen und unerfüllten Sehnsüchten, auch mit eigener Scham oder mit Ängsten. Oft geschieht das jenseits vom gewohnten Trott, dort, wo der Alltag unterbrochen wird, so zum Beispiel im Urlaub. Dann kann es das Schönste und das Schwerste zugleich sein, mit sich selbst konfrontiert zu werden und Dinge zu sehen, die ich eigentlich gar nicht sehen will, wie „den Brustbeutel vor der Funktionskleidung … oder die Socke in deiner Sandale“ (Die Zeit). Aber wer wirklich zu sich selbst kommt, kann auch auf fruchtbare Potentiale und Quellen in seinem Innern stoßen, die ihm oder ihr noch gar nicht bewusst waren.

Ignatius von Loyola (Gedenktag 31. Juli) musste sich mit Ende zwanzig nach einer Kriegsverletzung in seinem Elternhaus pflegen lassen. Sein Bein und seine Offizierskarriere waren schwer getroffen, seine ritterlichen Zukunftspläne dahin. In diesen harten Monaten der Schmerzen, der Trauer und der Abhängigkeit begann der adelige Baske, geistliche Bücher zu lesen und „ernsthafter über sein vergangenes Leben nachzudenken“, wie er in seiner Autobiografie („Bericht des Pilgers“, 9) schreibt. Nach einem glänzenden Aufstieg bei Hofe lag er nun darnieder und war zwangläufig auf sich selbst und seine Innenwelt verworfen. „Sein Bruder und alle sonstigen Hausbewohner konnten von außen die Wandlung erkennen, die sich innerlich in seiner Seele zugetragen hatte.“ (10). Denn allmählich traten andere Lebensmodelle und -ziele in den Blick des Rekonvaleszenten, so dass seine Angehörigen „den Verdacht schöpften, dass er eine große Veränderung plane“ (12).

Wer den „Bericht des Pilgers“ weiterliest, erfährt, wie Ignatius ehrgeizig angetrieben bald ins Ungewisse aufbrach, wie er hier und da mächtig stolperte, sich aber Schritt für Schritt von Gott hat führen und wandeln lassen. Wie er als Schüler Gottes in seinem Innern und „in allen Dingen“ auf Gottes Stimme zu hören lernte, allmählich sein Leistungsdenken durchschaute und sich mehr und mehr der „Führung der Gnade“ überlassen konnte.

Sich selbst annehmen und lieben lernen

Sich selbst zu begegnen, kann zuweilen beschämend, dann aber befreiend und heilsam sein. Zu sich selbst zu kommen, kann eine Einladung sein, sich selbst als den Menschen anzunehmen und zu lieben, der ich tatsächlich bin mit aller Schwäche und Verwundbarkeit, und nicht erst als den, der ich irgendwann einmal werden möchte.

Oft ist es nicht leicht mit der Selbstannahme und der gesunden Selbstliebe. Ignatius hat zu Beginn seiner Bekehrung einen Ekel vor seinem vergangenen Leben gehabt und sich in frommen Fanatismus verrannt, bis die neuen Erkenntnisse wirklich sein Herz - und nicht nur seinen Ehrgeiz - erreicht hatten. Erst jetzt konnte er mit sich selbst achtsam und liebevoll umgehen. Später schrieb der leidenschaftliche Gottsucher und Gründer des Jesuitenordens verständnisvoll an einen Mitbruder: „Gott sieht und weiß, was für uns am besten passt, und da er alles weiß, zeigt er uns den Weg, dem wir folgen sollen. Um den Weg aber zu finden, müssen wir mit Gottes Gnade viel suchen und mehrere Wege probieren, bevor wir den gehen, der sich klar als der unsrige erweist.“

Ignatius von Loyola: Als Soldat …

… und als Pilger in der „Schule Gottes“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Manchmal ist es Zeit, dem äußeren und inneren „Lärm, der die göttliche Stimme erstickt“ (Hélder Câmara) zu entfliehen und dem wahrheitssprechenden Spieglein tief in uns drinnen zu lauschen. Nicht ängstlich und erbsenzählend, sondern vertrauensvoll, auch mit Humor, auf jeden Fall aber unter der „Führung der Gnade“. Dann kann auch uns die Erfahrung des Ignatius geschenkt werden, der sagt: „Wenn sich unser Herz einmal gewandelt hat, was Wunder, dass dann durch uns auch die Welt gewandelt wird.“

In diesem Sinn wünsche ich Ihnen eine schöne Ferien- und Urlaubszeit und - wo immer Sie hinkommen - viele gute Begegnungen.

Marlies Fricke (GCL)

25. Juli 2018

PS: Liebe Leserinnen und Leser,
dieser Impuls zum Ignatiusfest ist  – wie schon gewohnt – der letzte vor den Ferien. Wir machen nun drei Wochen Urlaub und sehen uns Ende August wieder. Sie können ja gern etwas im Archiv stöbern!

Eine gesegnete Zeit!
Thomas Gertler SJ

 

Mose fühlt sich verantwortlich für das Volk Israel, ist aber zunehmend überfordert mit der Leitungsaufgabe, zu der nun auch noch die Richterfunktion gehört. Erst als sein Schwiegervater ihm einen Spiegel vorhält, sieht Mose seine Überforderung ein:

 

Exodus 18,14 - 24

18,14 Als der Schwiegervater des Mose sah, was er alles für das Volk zu tun hatte, sagte er: Was soll das, was du da für das Volk tust? Warum sitzt du hier allein und die vielen Leute müssen vom Morgen bis zum Abend vor dir anstehen? 15 Mose antwortete seinem Schwiegervater: Die Leute kommen zu mir, um Gott zu befragen. 16 Wenn sie einen Streitfall haben, kommen sie zu mir. Ich entscheide dann ihren Fall und teile ihnen die Gesetze und Weisungen Gottes mit. 17 Da sagte der Schwiegervater zu Mose: Es ist nicht richtig, wie du das machst. 18 So richtest du dich selbst zugrunde und auch das Volk, das bei dir ist. Das ist zu schwer für dich; allein kannst du es nicht bewältigen. 19 Nun hör zu, ich will dir einen Rat geben und Gott wird mit dir sein. Vertritt du das Volk vor Gott! Bring ihre Rechtsfälle vor ihn, 20 unterrichte sie in den Gesetzen und Weisungen und lehre sie, wie sie leben und was sie tun sollen. 21 Du aber sieh dich im ganzen Volk nach tüchtigen, gottesfürchtigen und zuverlässigen Männern um, die Bestechung ablehnen. Gib dem Volk Vorsteher für je tausend, hundert, fünfzig und zehn! 22 Sie sollen dem Volk jederzeit als Richter zur Verfügung stehen. Alle wichtigen Fälle sollen sie vor dich bringen, die leichteren sollen sie selber entscheiden. Entlaste dich und lass auch andere Verantwortung tragen! 23 Wenn du das tust, sofern Gott zustimmt, bleibst du der Aufgabe gewachsen und die Leute hier können alle zufrieden heimgehen. 24 Mose hörte auf seinen Schwiegervater und tat alles, was er vorschlug.