Seite aus dem Tagebuch von Nicodemus Tessin von 1688.

Die Wahrheit befreit

Nochmal über die Wahrheit? Reicht es nicht allmählich? Doch noch einmal, denn es geht ja um eine Reihe über die Unterscheidung der Geister nach Ignatius von Loyola. Er hat Regeln darüber aufgestellt. Heute geht es um die Regel 13: „Ebenso verhält er (der Böse) sich wie ein falscher Liebhaber. Er will verborgen sein und nicht entdeckt werden…“ Und das Gegenmittel ist: die Wahrheit sagen. Ja, das Böse scheut das Licht. Wie lange hat es gebraucht, bis die falsche Software von VW und anderen entdeckt wurde. Und bis heute ist mir nicht bekannt, wer da wie verantwortlich ist. Und warum es mit der Aufarbeitung bei uns dermaßen lange dauert.

Aber ich möchte hier nicht über die anderen sprechen, sondern ich möchte den Blick auf das eigene Herz, das eigene Innere lenken. Denn es geht um die Macht des Verschweigens und Verbergens bei uns selbst. Es ist leicht, die Fehler, die Lebenslüge bei anderen zu entdecken, bei mir selbst ist es schwer. Wir entdecken den Splitter im Auge des anderen, den Balken im eigenen Auge sehen wir nicht, so sagt schon Jesus (Mt 7,3-5). Darum beginnt ernsthaftes eigenes spirituelles Leben mit der Bereitschaft, nicht mehr die Lüge über sich selbst herrschen zu lassen, sondern „zu versuchen, in der Wahrheit zu leben“ (Vaclav Havel).

Das ist - wie gesagt - ein schwieriges Unterfangen, denn wir sind darin meist nicht geübt. Gesellschaftliche Trends gehen in die entgegengesetzte Richtung und ich erfahre von dort auch Widerspruch und Gelächter. Es heißt da: Wer auf die eigenen Fehler und Unzulänglichkeiten schaut, schwächt sich selbst, zieht sich herunter und macht sich klein. Es kann dich sogar depressiv machen. Darum immer nur das Gute, Positive, Großartige sehen und herausstellen. Nur keine Fehler zugeben. Immer abstreiten und leugnen. Sofort zum Gegenangriff übergehen.

Ja, wenn ich auf die eigene Lüge, Schwäche, Versuchbarkeit und Armseligkeit schaue, kann mich das tatsächlich mutlos und traurig machen. Darum braucht der, der sich auf den Weg der Wahrheit über sich selbst macht, zugleich die Erfahrung des Angenommenseins auf diesem Weg der Wahrheit. Ja, es muss mich schon ein Strahl der Befreiung durch das Licht der Wahrheit berührt haben. Ich muss schon ahnen, dass es ein Weg in die Freiheit ist, wenn ich mich auf den Weg der Wahrheit und Ehrlichkeit mache. Also das ist ein Miteinander von Freiheit und Wahrheit, von Angenommensein und von sich Auftun und Öffnen. Dass ich Sehnsucht nach Wahrheit habe und mich auf den Weg mache, ist schon Werk des göttlichen Lichtes und der göttlichen, liebenden Wahrheit. Sie wirkt schon in mir. Manchmal merke ich es erst im Nachhinein.

Zuweilen kann es sehr schwer sein, sich der eigenen Wahrheit zu stellen. Ich merke es zwar, aber will es nicht wissen:

„Ein Mensch, der spürt,
wenn auch verschwommen,
er müsste sich genau genommen
im Grunde seines Herzens schämen,
 zieht vor, es nicht genau zu nehmen.“
(Eugen Roth)

Ja, das ist die eine Möglichkeit. Es kann aber auch so schlimm sein, dass ich es gar nicht sagen kann – das ist oft bei traumatischen Erfahrungen so. Sie können lange Jahre brauchen. Aber das meine ich hier nicht und muss eigens behandelt werden. Nein, es geht hier um unsere normalen Alltagsverfehlungen. Sie können auch so schlimm sein, dass ich es erstmal nicht sagen kann. Sie kreisen in mir, ich werde sie nicht los. Immer plagen sie mich. Sobald alle Geräte abgeschaltet sind und ich schlafen will, tauchen sie auf.

Da hilft, wenn Sie ein altes Blatt Papier nehmen, auf das schreiben Sie das Unsägliche. Sie können es auch ganz unleserlich schreiben und nachher verbrennen. Aber es ist dann immerhin schon mal draußen. Es ist raus aus mir. Und was ich schon einmal so hinbekommen habe, das kann ich dann irgendwann auch aussprechen. Und dann ist es ganz raus. Es hat mich verlassen. Es hat seine Macht verloren. Es kann bewältigt werden. Mir hat dabei immer mein Tagebuch geholfen (daher das Bild oben).

Und so ist es mir auch oft in der Beichte gegangen. Da habe ich direkt diese große Erlösung und Befreiung erlebt und erlebe sie noch. Denn durch die Lossprechung bekomme ich auch das große, liebende Ja Gottes wieder direkt zu spüren. Und dann kommt eine ganz, ganz große Freude.

Und noch eine letzte Bemerkung: Viele denken, das kann ich doch dem Mann im Beichtstuhl (oder der Frau im Gesprächszimmer) nicht zumuten. Und: was denkt der/die dann von mir. Da kann ich nur sagen: wenn der Beichtvater kein totaler Pharisäer ist, der sich für heilig hält (was es geben kann), sondern um seine eigene Sünde weiß, dann hat er eine große Hochachtung vor Ihrer Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit und verachtet Sie nicht, sondern spricht Ihnen mit großer Achtung und Freude die Vergebung Gottes zu.

Das wünsche ich Ihnen sehr, dass Sie diese befreiende Kraft der Wahrheit durch das Aussprechen erfahren und grüße Sie herzlich

Thomas Gertler SJ

15. Januar 2020

Der Psalm 32 schildert die Umkehr eines Menschen und sein Bekenntnis der Wahrheit. Es erinnert an die Ermahnung des Königs David durch den Propheten Nathan nach der Ermordung des Uriah und dem Ehebruch mit Bathseba. Das ist auf diesem Bild dargestellt.

Psalm 32, 1 - 10

32,1 Von David. Ein Weisheitslied. Selig der, dessen Frevel vergeben und dessen Sünde bedeckt ist.
2 Selig der Mensch, dem der HERR die Schuld nicht zur Last legt und in dessen Geist keine Falschheit ist.
3 Solang ich es verschwieg, zerfiel mein Gebein, den ganzen Tag musste ich stöhnen.
4 Denn deine Hand liegt schwer auf mir bei Tag und bei Nacht; meine Lebenskraft war verdorrt wie durch die Glut des Sommers.
5 Da bekannte ich dir meine Sünde und verbarg nicht länger meine Schuld vor dir. Ich sagte: Meine Frevel will ich dem HERRN bekennen. Und du hast die Schuld meiner Sünde vergeben.
6 Darum soll jeder Fromme zu dir beten; solange du dich finden lässt. Fluten hohe Wasser heran, ihn werden sie nicht erreichen.
7 Du bist mein Schutz, du bewahrst mich vor Not und rettest mich und hüllst mich in Jubel.
8 Ich unterweise dich und zeige dir den Weg, den du gehen sollst. Ich will dir raten, über dir wacht mein Auge.
9 Werdet nicht wie Ross und Maultier, die ohne Verstand sind. Mit Zaum und Zügel muss man ihr Ungestüm bändigen, sonst bleiben sie nicht in deiner Nähe.
10 Der Frevler leidet viele Schmerzen, doch wer dem HERRN vertraut, den wird er mit seiner Huld umgeben.
11 Freut euch am HERRN und jauchzt, ihr Gerechten, jubelt alle, ihr Menschen mit redlichem Herzen!