Weihnachten im Jahr 2023

Doch ich bleibe bei der Gottesmutter von Wladimir als Bild zu diesem Weihnachtsfest. Obwohl sie gar nicht richtig weihnachtlich ist, diese Ikone. Sie stammt ursprünglich aus Konstantinopel (frühes 12. Jahrhundert), gelangte dann nach Kiew, wurde lange in Wladimir aufbewahrt und hängt nun in der Kirche der Tretjakow-Galerie in Moskau. Sie ist die beliebteste Ikone des Ostens. Und auch ich habe sie sehr gern. Ja, es stimmt, sie ist nicht so richtig weihnachtlich. Sie kann und soll uns durch das Weihnachtsfest und durch das ganze Jahr geleiten.

Betrachten wir sie zuerst einmal genauer. Maria schaut uns mit einem versonnenen und traurigen Blick an. Dieser Blick fixiert aber nicht, sondern ist ganz gedankenvoll oder vertieft. Die Augen schauen weiter als nur auf uns. Sie schauen tiefer in die Geschichte. Sie schauen das Leid. Sie schauen das Leid des Sohnes. Sie schauen das Leid der Menschheit. Bis hin zu uns heute. Bis nach Kiew und nach Moskau.

Zärtlich umfasst der Sohn seine Mutter. Der linke Arm umschlingt unsichtbar den Hals Marias. Fast kann man die kleine linke Hand nicht sehen, aber dann bemerkt man sie in der Höhe des linken Wangenknochens. Die rechte Hand findet sich oberhalb des Sterns. Die Gesichter von Jesus und Maria berühren sich. Eine große Nähe und Zärtlichkeit ist da. Die Münder sind ganz nahe zusammen. Die Augen Jesu suchen die der Mutter. Sieht sie Ihn? Jesu Gesichtsausdruck ist nicht so melancholisch, sondern eher liebevoll und sehnsuchtsvoll. Kann man gar ein Lächeln sehen? Auf jeden Fall sind die Farben ganz gegensätzlicher Stimmung: das Dunkel des Schleiers Mariens (Fachausdruck „Maphorion“) gegen das helle Gold des göttlichen Kindes.

Die beiden Häupter bilden gemeinsam fast so etwas wie ein Herz. Der goldgestreifte Saum des Schleiers verstärkt das noch. Die beiden Sterne auf dem Maphorion sind für mich das Weihnachtlichste auf dem Bild. Sie stehen für die Jungfräulichkeit Mariens und man muss sich noch den dritten Sten auf der rechten Schulter Mariens hinzudenken.

Die lange und bewegte Geschichte ist dem Bild anzusehen. Es ist vieles nicht mehr erhalten. Es ist vieles ausgebessert worden. Von der Beschriftung ist fast nichts mehr geblieben, nur letzte Reste. Aber die ursprüngliche Schönheit der Ikone ist immer noch zu sehen. Eine anrührende Schönheit.

Wie soll uns diese Ikone, wie soll uns das Weihnachtsfest durch das Jahr geleiten? Ein erster Punkt. Jede Ikone will uns lehren, tiefer und weiter zu sehen. Nicht nur die Wirklichkeit dieser Welt zu durchschauen und tiefer zu erkennen. Alle Ikonen wollen uns lehren bis hindurch zu Gott selbst zu schauen. Das ist die Botschaft von Weihnachten: Gott hat sich auf diese Welt eingelassen. Er hat sich in diese Welt hinabgelassen, in sie niedergebeugt, ja, er ist selbst Mensch geworden mit Haut und Haar, mit Fleisch und Blut. Lerne täglich diese Wirklichkeit zu durchschauen bis zu dieser göttlichen Wirklichkeit! Das lehrt die Ikone.

Und das Zweite: Das Göttliche und das Gewöhnliche, das Göttliche und das Alltägliche gehören zusammen, bilden eine einzige Wirklichkeit. Das ist für uns heute so schwer zusammenzubringen. Für uns ist das Gewöhnliche eher das Gottferne, das Alltägliche das Atheistische, das Reale ist das Banale. Dass da ein Gott sein soll mitten in unserem Alltag, das ist keine tägliche Erfahrung mehr. Aber sie soll es wieder und immer mehr werden. Mutter und Kind sind solche alltägliche Wirklichkeit. Das ist ganz gewöhnlich, auch wenn es anrührt und so schön ist. Die Ikone und Weihnachten aber sagen uns: Sie sind auch göttliche Wirklichkeit. Maria hält den Sohn Gottes in ihrem Arm. Und er schaut sie vertrauens- und sehnsuchtsvoll an. Das ist etwas Alltägliches und das ist etwas Göttliches. Die Augen Jesu schauen auch mich und heute so an. In jedem Kind. In jedem Notleidenden. In jedem Menschen.

Und das Dritte: Die Erlösung und die Befreiung sind schon unterwegs zu uns. Gott hat den Anfang gemacht. Einen kleinen fast unerkennbaren Anfang, einen Anfang, der vielen Augen unbemerkbar ist, so klein ist er. Das schützt ihn, macht ihn aber auch so verletzlich und gefährdet. Und genau das sehen wir in der Weihnachtsgeschichte und diesem Bild. So vielfach verletzt und gefährdet und doch bewahrt und für uns da und gegenwärtig. Und auch jetzt mitten in der Gefährdung dieser Welt, mitten in dem Kriegslärm und dem Dunkel der Gewalt und des Sterbens, ist ein Hoffnungsschimmer da. Selbst mitten im Niedergang der Kirche ist dieser neue Anfang da, will wahrgenommen und behütet werden, dass er wachsen und sich durchsetzen kann. Also seien wir dem neuen Anfang Gottes Mutter und Vater, Bruder und Schwester. Jetzt und das ganze Jahr hindurch.

Es grüßt ganz herzlich und wünscht friedvolle Weihnachten und gesegnete Tage
Thomas Gertler SJ

20. Dezember 2023

Maria bewahrte alles in ihrem Herzen. Das ist der vierte Punkt, den wir lernen von Maria zu Weihnachten, von der Ikone und den wir lernen und üben können das Jahr hindurch. Denn dies ist der vorletzte Impuls von „update-seele“. Ein Impuls kommt noch zum Abschied in das Neue Jahr hinein und dann wird die Seite nicht mehr weitergeführt, sondern endet. Dazu schreibe ich dann noch etwas beim nächsten Mal. Sie aber sind eingeladen, die Weihnachtsgeschichte zu lesen, zu betrachten und im Herzen zu bewahren.

Lukas 2,1 - 19

2,1 Es geschah aber in jenen Tagen, dass Kaiser Augustus den Befehl erließ, den ganzen Erdkreis in Steuerlisten einzutragen. 2 Diese Aufzeichnung war die erste; damals war Quirinius Statthalter von Syrien. 3 Da ging jeder in seine Stadt, um sich eintragen zu lassen. 4 So zog auch Josef von der Stadt Nazaret in Galiläa hinauf nach Judäa in die Stadt Davids, die Betlehem heißt; denn er war aus dem Haus und Geschlecht Davids. 5 Er wollte sich eintragen lassen mit Maria, seiner Verlobten, die ein Kind erwartete. 6 Es geschah, als sie dort waren, da erfüllten sich die Tage, dass sie gebären sollte, 7 und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war. 8 In dieser Gegend lagerten Hirten auf freiem Feld und hielten Nachtwache bei ihrer Herde. 9 Da trat ein Engel des Herrn zu ihnen und die Herrlichkeit des Herrn umstrahlte sie und sie fürchteten sich sehr. 10 Der Engel sagte zu ihnen: Fürchtet euch nicht, denn siehe, ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteilwerden soll: 11 Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Christus, der Herr. 12 Und das soll euch als Zeichen dienen: Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt. 13 Und plötzlich war bei dem Engel ein großes himmlisches Heer, das Gott lobte und sprach: 14 Ehre sei Gott in der Höhe / und Friede auf Erden / den Menschen seines Wohlgefallens. 15 Und es geschah, als die Engel von ihnen in den Himmel zurückgekehrt waren, sagten die Hirten zueinander: Lasst uns nach Betlehem gehen, um das Ereignis zu sehen, das uns der Herr kundgetan hat! 16 So eilten sie hin und fanden Maria und Josef und das Kind, das in der Krippe lag. 17 Als sie es sahen, erzählten sie von dem Wort, das ihnen über dieses Kind gesagt worden war. 18 Und alle, die es hörten, staunten über das, was ihnen von den Hirten erzählt wurde. 19 Maria aber bewahrte alle diese Worte und erwog sie in ihrem Herzen.