Geheimnis

Foto: Vania Teofilo - CC BY-SA 3.0

Der letzte Impuls hat die vielen Geheimnisse behandelt, die wir haben, die wir halten oder nicht bewahren, die wir zu unserem eigenen Überleben weitersagen müssen. Heute wollen wir etwas tiefer gehen und die philosophische und theologische Seite der Geheimnisse behandeln. Da ist zuerst eine wichtige Unterscheidung nötig, nämlich die zwischen Rätsel und Geheimnis. Alle Rätsel kann man auch Geheimnisse nennen. Aber nicht alle Geheimnisse sind Rätsel. Hier ein Kinderrätsel: Welche Hose ist nicht aus Stoff? Die Windhose. Für das Rätsel gilt, wenn es gelöst ist, dann ist es kein Rätsel mehr. Beim Geheimnis gibt es solche, die Rätsel sind und die sich darum lösen lassen und dann sind auch diese Geheimnisse keine Geheimnisse mehr. Zum Beispiel ein Kriminalfall. Den kann man meist lösen.

Aber es gibt Geheimnisse, die bleiben Geheimnisse. Was meine ich damit? Ein Geheimnis bleibt mir meist der geliebte Mensch. Und da haben Liebe und Geheimnis viel miteinander zu tun. So lange mein Gegenüber mir ein anziehendes Geheimnis bleibt, so lange besteht auch die Liebe. So lange der anderen interessant bleibt und immer noch eine Frage wert ist, so lange bleibt auch die Liebe. Wenn ich meine, den anderen völlig zu kennen und zu durchschauen, dann ist auch meist die Liebe zu Ende und dann sagt man zum anderen: „Du bist nichts weiter als …“ Und dann folgt meist ein ziemlich hässliches Wort.

Max Frisch hat einen berühmten Text darüber geschrieben. Er greift auf das Bilderverbot des Alten Testamentes zurück: „Du sollst dir kein Bild machen!“ (Ex 20,4) Und dieses Bilderverbot gilt seiner Ansicht nach nicht nur für Gott, sondern auch für den Mitmenschen (und auch für mich selbst). Ich soll mir kein abschließendes Bild machen, weil das die Tiefe und die Würde des anderen verletzt und übersieht. Jeder Mensch ist eine endliche Unendlichkeit. Wir sind endliche Wesen, ja. Wir sind begrenzte Wesen, ja. Aber diese Endlichkeit ist auch unerschöpflich und für das Unendliche offen. Wir sind „capax infiniti“, der Unendlichkeit fähig. Wir sind der Begegnung mit Gott, dem Unendlichen, fähig. Der unendliche Gott will in uns wohnen. Oder wie uns Augustinus gesagt hat: „Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in Dir. (Inquietum est cor nostrum, donec requiescat in te, Domine., conf. I 1)“. Unser unersättliches Herz wird erst stille in der unendlichen Fülle Gottes.

Also Gott bleibt ein Geheimnis und auch mein Nächster und auch ich mir selbst. Das bedeutet nicht das Ende des Suchens und Sehnens, des Forschens und Denkens, weil es ja sowieso kein Ende hat, nein, es fordert es immer neu heraus. Ich kann immer weiter gehen und komme nie an ein Ende. Das ist ein Glück und eine Freude. Das gilt für den Himmel, aber auch für jetzt, für unser Leben hier auf Erden.

Da ist das Geheimnis aber eines, das sich immer wieder wandelt, nämlich zwischen Licht und Finsternis. Und das gilt auch wieder für alle drei Bereiche: Gott, den Nächsten und mich selbst und darüber hinaus für das Ganze der Welt. Mal erscheint alles hell und licht in Momenten der trostvollen Liebe. Mal erscheint es dunkel in Momenten der leid- und schmerzvoll sich zeigenden Liebe. Ja, manchmal scheint dieses Geheimnis in einen schwarzen und höllischen Abgrund zu kippen und ich bin äußert herausgefordert vom Geheimnis der Liebe. Ist es überhaupt Liebe? Gibt es überhaupt Liebe? Gibt es überhaupt Sinn? Gibt es überhaupt Hoffnung? Oder ist das alles nur Einbildung? Da ist auch immer die Versuchung da, den Glauben aufzugeben.

Und ein Letztes. Wie oft habe ich mit Ihnen schon die Übung gemacht, sich ein einzelnes Ding aus der Natur zu suchen und das wahrzunehmen, intensiv und mit allen Sinnen. Nicht nachdenken, sondern wahrnehmen. Dabei mache ich folgende Erfahrung. Jedes Ding aus der Natur ist für den Betrachter unerschöpflich. Ich entdecke immer etwas, das ich noch nicht beachtet habe. Oft betrachte ich so einen Gegenstand eine ganze Woche lang, jeden Tag etwa eine halbe Stunde. Und dabei passiert ein Zweites. Dieser Gegenstand wird mir wertvoll. Oft hebe ich ihn mir noch länger auf. Und schließlich kann ich drittens dieses Ding als Geschöpf Gottes sehen. Dann erzählt es mir auch von Gott. So sagt es Paulus im Römerbrief: 1,9 Denn es ist ihnen offenbar, was man von Gott erkennen kann; Gott hat es ihnen offenbart. 20 Seit Erschaffung der Welt wird nämlich seine unsichtbare Wirklichkeit an den Werken der Schöpfung mit der Vernunft wahrgenommen, seine ewige Macht und Gottheit. Ich begegne Gott, seiner Schönheit und Kreativität, in seinem Geschöpf.

Es grüßt Sie herzlich
Thomas Gertler SJ

29. November 2023

Jesus sagt zu seinen Jüngern: „Euch ist das Geheimnis des Himmelreiches übergeben!“ (Mk 4,10). Worin besteht dieses Geheimnis? Es besteht darin, dass mit Jesus und seiner Predigt und seinem Tun tatsächlich das Himmelreich beginnt, dass die Fülle der Zeiten gekommen ist. Das erkennen diejenigen, die an Jesus glauben, die ihm glauben und folgen. Die anderen erkennen dieses Geheimnis nicht. Paulus verkündet den Korinthern genau dieses Geheimnis des Gottesreiches als Kommen unserer Erlösung im Leben, Sterben und Auferstehen Jesu.

1. Brief an die Korinther 2,1 - 12

2,1 Auch ich kam nicht zu euch, Brüder und Schwestern, um glänzende Reden oder gelehrte Weisheit vorzutragen, sondern um euch das Geheimnis Gottes zu verkünden. 2 Denn ich hatte mich entschlossen, bei euch nichts zu wissen außer Jesus Christus, und zwar als den Gekreuzigten. 3 Zudem kam ich in Schwäche und in Furcht, zitternd und bebend zu euch. 4 Meine Botschaft und Verkündigung war nicht Überredung durch gewandte und kluge Worte, sondern war mit dem Erweis von Geist und Kraft verbunden, 5 damit sich euer Glaube nicht auf Menschenweisheit stützte, sondern auf die Kraft Gottes.
6 Und doch verkünden wir Weisheit unter den Vollkommenen, aber nicht Weisheit dieser Welt oder der Machthaber dieser Welt, die einst entmachtet werden. 7 Vielmehr verkünden wir das Geheimnis der verborgenen Weisheit Gottes, die Gott vor allen Zeiten vorausbestimmt hat zu unserer Verherrlichung. 8 Keiner der Machthaber dieser Welt hat sie erkannt; denn hätten sie die Weisheit Gottes erkannt, so hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt. 9 Nein, wir verkünden, wie es in der Schrift steht, was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, was in keines Menschen Herz gedrungen ist, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben. 10 Uns aber hat es Gott enthüllt durch den Geist. Der Geist ergründet nämlich alles, auch die Tiefen Gottes. 11 Wer von den Menschen kennt den Menschen, wenn nicht der Geist des Menschen, der in ihm ist? So erkennt auch keiner Gott - nur der Geist Gottes. 12 Wir aber haben nicht den Geist der Welt empfangen, sondern den Geist, der aus Gott stammt, damit wir das erkennen, was uns von Gott geschenkt worden ist.