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Jesus warnt uns vor einem illusionären Leben, einem Leben ohne Mühe, Leid und Kreuz und einem Leben, das wir uns nur für uns selbst verschaffen wollen. Er warnt uns davor zu vergessen, dass alles Leben - und so auch mein Leben - sich immer anderen verdankt und sich selbst nicht machen kann. Zuletzt ist es Gott, der uns Leben schenkt und es bewahrt.

Andrej Rubljow (1360-1430), Erlöser

Mk 8,34 - 37

8,34 Er rief die Volksmenge und seine Jünger zu sich und sagte: Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. 35 Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen und um des Evangeliums willen verliert, wird es retten. 36 Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sein Leben einbüßt? 37 Um welchen Preis könnte ein Mensch sein Leben zurückkaufen?

Seitwert


© Foto: Thomas Gertler


Abschied von der Insel Poel

Zweimal ist mir in den vergangenen Wochen die Geschichte von Odysseus und der Nymphe Kalypso begegnet. Sieben Jahre war Odysseus auf der Insel Ogygia bei der Nymphe Kalypso „zu Gast“. Eigentlich war er auf der Heimfahrt vom Trojanischen Krieg zurück zu seiner Frau Penelope. Aber er hatte die Götter verärgert. So hielten sie ihn in den Armen der schönen Kalypso fest. Darum steht dieses „zu Gast“ in Anführungszeichen. Kalypso liebte ihn und hätte gern immer mit ihm zusammen gelebt, aber er hat unüberwindliches Heimweh, steht am Ufer der Insel und schaut aus in Richtung seiner Insel Ithaka. Kalypso versucht alles und verspricht ihm Sicherheit und sinnliche Freuden auf der Insel, ja sogar unvergängliche Jugend und ewige Liebe. Ein Leben wie die Götter. Dennoch will Odysseus heim. Und so muss sie ihn endlich ziehen lassen.

Das ist das große Rätsel: wieso wählt Odysseus nicht, was wir doch alle ersehnen: ewige Jugend mit ihrem Charme, ihrer Kraft und Gesundheit, ewiges Leben in Freuden und Sicherheit? So etwas Erstrebenswertes? Stattdessen wieder hinaus auf das Meer mit seinen Unsicherheiten, mit seinen Stürmen und Flauten, mit Hitze und Kälte und Todesgefahr. Stattdessen die Ungewissheit, ob Penelope ihn noch liebt und noch auf ihn wartet und ob ihn nach so vielen Jahren überhaupt noch jemand erkennt und empfängt. Stattdessen die Vergänglichkeit und Mühe des Altwerdens und des Zugehens auf den Tod. Warum wählt er das?

Es gibt keine Antwort auf diese Frage in Homers Odyssee. Nur das Faktum, dass Odysseus sich wieder auf die gefährliche und mühevolle Fahrt begibt. Und gerade das ist ja klug so vom alten Sänger Homer, denn es nötigt uns zum eigenen Nachdenken.

Was denken Sie, warum Odysseus geht? Würden Sie lieber bleiben?

Überall in Deutschland gehen spätestens jetzt die Ferien zu Ende. Auch meine wunderbaren Tage in Wismar und die Stunden auf der sonnenbestrahlten Insel Poel sind zu Ende. Und ich kann Odysseus gut verstehen. Ewige Ferien? Leben auf einer Insel? Immer nur Jugend und schönes Wetter? Strand und Sand, Wellen und Wasser? Sieben Jahre davon wären mir entschieden zu viel, schon sieben Wochen wären überreichlich. Nein, echtes Leben will nicht nur die eine Seite. Echtes Leben und echte Liebe wollen das Konkrete, Wirkliche, mit allem, was dazu gehört – nicht allein das Angenehme und Hübsche, Nette und Harmlose. Gerade die Vergänglichkeit macht unsere Erfahrungen wertvoll. Die Vergänglichkeit macht sie einmalig. Sieben Jahre im Strandkorb – welch eine Strafe! Ewige Jugend – ? Immer Calypso-Musik?

Aber ist nicht gerade das unser Ideal, für das überall Reklame gemacht wird? Diese ewige Jugend, Gesundheit, Schönheit, Genuss, mühelose gute Laune. Ja, und suchen wir das nicht gerade in unseren vielen digitalen Medien? Die virtuelle Realität? Die Scheinwelt – aber immer echter und umfassender? Jetzt sogar mit einem Helm, in dem wir beinahe ganz und gar in diese Illusion eintauchen können, mit immer mehr Sinnen und täuschend echter Scheinwelt? Ein Film, in dem wir selber mitspielen und den wir mitgestalten können. Die Vorspiegelung wird immer perfekter. Und entwickelt hohes Suchtpotential. Und viele sind danach süchtig. Es verheißt Glück. Aber es macht letztlich unglücklich. Wie jede Sucht zerstört sie unsere Freiheit immer mehr.

Wir brauchen die Widerständigkeit der Wirklichkeit, so lästig sie uns ja oft ist. Dass es Mühe kostet und Anstrengung, Arbeit und Schweiß, ja sogar oft Vergeblichkeit. Dass wir traurig sind und weinen, dass wir kämpfen und Durststrecken aushalten müssen. All das gehört dazu und macht erst den vollen Geschmack des Lebens aus. Und darin finden wir auch das Glück – ein Glück, das bleibt in aller Vergänglichkeit.

Also nehme ich nun gern Abschied von den Ferien und kehre in den Alltag zurück.

Herzlich grüße ich Sie
Thomas Gertler SJ

31. August 2016

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